Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 255 
richten wollte, als auf das Verständnis der Aussprüche des 
Aristoteles und seiner Kommentatoren':. 
Und die Nation im ganzen, vornehmlich der gesells chaftlich 
führende Bürgerstand, richtete mit Hilfe der geringen in den 
Lateinschulen erworbenen Kenntnisse seine Blicke in der That 
nur zu sehr auf das Rußerliche der Dinge. So ward ihm 
die Bildung im wesentlichen nur zum Mittel materiellen Er— 
werbs; allen litterarischen Interessen höherer Art stand er fern; 
es ist bezeichnend, daß in einer Zeit, in der die elementare 
Kenutnis des Lateins weiter drang, als je zuvor, doch die 
Rezeption lateinischer Wörter in unsere Sprache gegenüber den 
früheren Jahrhunderten des Mittelalters nachließ. Nur in 
den Geschäftsbüchern und den Rechnungsschlüssen der Handels— 
häuser gleichsam hallte die alte Bildung in entstellter Wirkung 
nach. Und hierbei zeigte sich denn freilich, daß sie hier 
noch nicht als Werkzeug eigener, persönlicher Durchbildung zu 
dienen vermochte. Nirgends zeigen die erhaltenen Schriftstücke 
des Bürgerstandes, die Handelsbücher, die kurzen Gedenkblätter, 
die Urkunden für Haus und Familie, einen über die nächste 
Ausschau sich weghebenden Blick, nirgends finden wir auch nur 
eine Vielheit der Bücher, wie sie der heutige Kaufmann zur 
reinlichen Führung der Geschäfte kennt, nirgends die Anfänge 
statistischen Sinnes, obwohl die stärkere Aufnahme des arabischen 
Ziffernsystems seit Beginn des 14. Jahrhunderts, wie die zu— 
nehmende innere Gleichartigkeit der Einzelerscheinungen an sich 
solche sehr wohl gestattet hätten. Nur auf einem Gebiete, dem alt⸗ 
hationaler Rechtsbildung und Rechtskodifikation, rang man sich 
gelegentlich zu größerer Klarheit, zur Beherrschung umfassenderer 
Jeifiger Materien durch, obwohl auch hier Zufall und Un— 
beholfenheit der Aufzeichnung gewöhnlich blieb. 
Ein größerer Verkehr mit auswärtigen Nationen konnte 
unter diesen Umständen nur schwer bewältigt werden. Sprach— 
lich geschah das im Norden. indem man den fremden Völkern 
Riezler, Die literarischen Widersacher der Päpste zur Zeit Ludwigs 
des Bayern (1874), S. 118. Nicolaus war ein Minorit aus dem Gefolge 
Ludwigs des Bayern.
	        
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