Geistesleben im späteren Mittelalter. 259
seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts aber wurde diese Weise
das gemeine Mittel der Charakteristik für alle irgendwie her—
vorragenden Personen; Otokar von Steier wandte sie zuerst mit
Rirtnosität an, und das 14. Jahrhundert strotzt von Anekdoten—
büchern und Klatschsucht.
Es ist ein Zug, der bei dem derben, materiellen In—
teressen vorwiegend zugewandten Sinne der Zeit alsbald
zur Pflege eines kräftigen Humors führen mußte. Kaum ein
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14. Jahrhundert läßt diese Eigenschaft vermissen, mag er nun
Kunstdenkmälern oder schriftlichen Aufzeichnungen angehören.
Ja selbst in den Ernst des richterlichen Urteils schlich sich der
Humor ein: so muß in Flandern ein Mann, der ein kuchen—
tragendes Mädchen gefoppt hat, dieser sieben neue Kuchen backen
lassen, und ein anderer wird verurteilt, jemandem, den er beleidigt
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Hauptstätte kernfesten Humors scheint aber schon früh der koloniale
ODsten geworden zu sein, nicht unähnlich dem heutigen Nordamerika,
dessen kolonialer Boden bei allem Hasten der materiellen Ent—
wicklung doch neuerdings die größten Humoristen angelsächsischen
Stammes erzeugt hat. Hier im Nordosten ist die Heimat der
humoristischen Grabschriften, hier fanden im 15. Jahrhundert die
Späße Till Eulenspiegels enthusiastische Wüurdigung; und in Stral⸗
sund, nicht allzufern der Heimat Fritz Reuters, bekam es die vor⸗
nehme Kramerinnung noch im Jahre 1574 fertig, den Eingang ihres
schönen Kirchenstuhls mit einem keulenschwingenden Renaissance—
helden schmücken zu lassen, darunter die drohende Unterschrift:
Dat Ken kramer ist, de blief da buten,
Oder ick schla em up de schnuten.
Ganz allgemein aber pflegte sich im 14. Jahrhundert der
Humor, soweit er nach Außerlichkeiten der Person und der Be—
gebenheit charakterisierte, in der Benennung der einzelnen Personen
mit Zunamen über den Taufnamen hinaus, sowie in der besonderen
Benennung einzelner Häuser einzustellen: unter seinem Einfluß
sind großenteils die heutigen Eigennamen entstanden. Welche
1 Abbild. neuerdings b. Dietrich Schäfer, Die Hansa, 1903, S. 75
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