Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 261 
überall seit den guten Tagen des Rittertums sogar ein Rück— 
schritt vollzogen. Schon im 13. Jahrhundert wird der Bürger— 
prediger Bruder Berhtolt nicht müde, immer wieder Maß und 
Ruhe zu empfehlen; in seiner ersten erhaltenen Predigt faßt er 
die Ratschläge menschlicher Klugheit in den drei Regeln zu— 
sammen: dag du niemer kein ondehaft dine getuon solt, 
dan mit rate; das du Kein dine uf solt schieben, daz dir 
26 muote wirt; das ir niemer Kein dine tuon sult, ir sult 
vor gar wohl betrahten, welich ende ez neme; und nach 
dem h. Thomas besteht die Tugend in der richtigen Ordnung 
der Strebungen und Triebe durch die Vernunft und in deren 
übernatürlicher Vollendung durch die Gnade Gottes. 
Aber all diesen Lehren trat das Leben noch schroff ent⸗ 
gegen. Johann Hadlaub von Zürich erzählt von sich (um 
1300), daß ein Kind, das er schon als kleines Mädchen liebte, 
ihm den Rücken gekehrt habe: da fiel er in Ohnmacht. Als 
man aber seine Hand in die des Mädchens legte, da ward ihm 
besser. Es ist eine Unmittelbarkeit leidenschaftlicher Empfindung, 
die, dauernd vorhanden, nur zu leicht zu furchtbaren Aus— 
schreitungen führen konnte. In Lübeck sind während des 
späteren Mittelalters durchschnittlich im Jahre etwa fünfzig 
Personen hingerichtet worden; im Jahre 1527 sah der Richt— 
schreiber Laurentius Schmit die Gerichtsbücher nach und be— 
rechnete, daß, dieweil die Stadt Recht und Urteil gehabt, 
18489 Männer und Frauen vom Leben zum Tode gebracht 
worden seien. Besonders verderblich aber mußte diese Leiden— 
schaftlichkeit bein Zusammenwohnen in den engen Gassen der 
Stadt auf geschlechtlichem Gebiete werden. Für Flandern und 
Brabant meint das Niwe Doctrinal: 
EPn waert, dat men kint daer af draghet, 
men vonde eume enighe maghet. 
Und wir haben kein Recht, an dieser Meinung zu zweifeln, 
wenn wir Bankerte als stehende Gruppe bürgerlicher Familien— 
verbände kennen lernen und hören, daß Bischof Heinrich von 
Lüttich, ein geldernscher Graf, 69 Kinder hinterließ und sich 
rühmte, in 22 Monaten 14 Knaben erzeugt zu haben. Für
	        
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