266 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel.
wie sie in der Askese vornehmlich des 10. Jahrhunderts zu
Tage trat, war selbstverzichtend und magisch gewesen, sie war
aufgegangen im Wunderglauben und in Werken äußerlicher Ent—
sagung. In ihrer höchsten Entwicklung hatte sie allenfalls die
Meditation gekannt, die geistige Versenkung etwa in die Leiden
Christi oder in die Vorschriften einer Ordensregel, nicht aber
schon die Kontemplation, die verzückte Anschauung Gottes.
Zur Kontemplation von der Meditation, zur Vision vom
Wunderglauben fortgeschritten war zuerst der h. Bernard von
Clairvaur. Seine Frömmigkeit hatte vor allem in Frankreich
Fuß gefaßt; hier wurde sie systematisch weiterentwickelt,
namentlich im Kloster St. Victor zu Paris, wo neben anderen
Denkern der Mönch Richard (f 1178) über die Wege der
Kontemplation grübelte und ihre Ziele in biblischen Allegorien
dunkel umriß. Aber auch in Deutschland fand diese Art der
Frömmigkeit Eingang; schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts
gehörten ihr die bedeutendsten Geister unter dem Klerus an!,
und später beruhten auf ihr die zum Teil wüst⸗phantastischen
Prophetien der Abtissin Hildegard vom Kloster Rupertsberg bei
Bingen nicht minder, wie die ruhige und abgeklärte Frömmig—
keit des Cisterziensers Caesarius von Heisterbach, der nicht müde
ward, seinen Novizen zuzurufen: Oredere in Deum est per
dilectionem ire in Deum.
Indem man nun aber in der Frömmigkeit zugleich intellek⸗
ruelle Heilsgewißheit finden wollte, kam es, bei allem Festhalten
an dem alten Dogma, notwendig zu einer Zwiespältigkeit der
Richtungen. Wie konnte von der Kontemplation eine Brücke ge⸗
schlagen werden zur verstandesmäßigen Erfassung des Dogmas?
Hier zeigte sich eine Klippe, deren drohender Charakter den
romanischen Denkern des 18. Jahrhunderts schon völlig bekannt
war. Aber sie vermochten sie nicht zu umschiffen in der Kon—⸗
truktion einer neuen einheitlichen christlichen Weltanschauung.
S. Band 118 S. 877 (IIu.. S. 864), über Gerhoh von Reichers—
derg speziell S. 378 bzw. 865.