Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 267 
Sie ließen vielmehr die beiden Sphären des persönlich-religiösen 
Daseins, die intellektuelle und die kontemplative, neben einander 
bestehen; und eben die größten Denker, wie Bonaventura und 
Thomas von Aquino, ruhten von dem Werke ihres Glaubens 
gern in mystischer Frömmigkeit aus!. So bestanden gleichsam 
zwei an sich unvermittelte Halbkreise religiös-philosophischen 
Lebens: in der Entwicklung der christlichen Religion keineswegs 
eine Seltenheit. 
Indem aber diese beiden Kreise religiöser Anschauung, der 
ntellektuelle und der mystische, als gleichsam prädestiniert not— 
vendige, wenn auch nur schwer im menschlichen Denken ver—⸗ 
einbare Hälften persönlichen Lebens empfunden wurden, ward 
der Kontemplation Raum gewährt, sich ungestört von dog— 
matischen Bedenken zu unendlichem Reichtum zu entfalten. 
Sie galt nunmehr als das sicherste und direkteste Mittel, wodurch 
es der von Gott entfernten Seele möglich ward, zu ihm zurück— 
zukehren: die Betrachtung der Heilsthatsachen, umschlagend in 
die Unendlichkeit gefühlvoller Teilnahme an ihnen, fortschreitend 
zur religiösen Verzückung entbildete jetzt die Seele zeitweis von 
den Bestandteilen, die irdisch sind, die ihren Abfall von Gott 
verursacht haben; sie bildete sie in geheimnisvoll gespannter 
Anschauung des Wunders der Trinität empor zur Erleuchtung, 
zur Erkenntnis des Christengottes, sie überbildete sie in dem 
intuitiven Raptus zum seligen Untergang in Gott, zur wesens— 
einen Vereinigung mit dem Allerhöchsten. 
Diese neue und höchste Form der mittelalterlichen Frömmig— 
keit, in der die Seele weit über Askese und einfache Kon⸗ 
templation hinweg aufsteigt zu mysteriöser Vergottung, ward 
zuerst in den Orden der Bettelmönche empirisch begründet; und 
ihr Anfänger war der h. Franz von Assisi. 
Aber schon in diesen Geburtswehen durchsetzte sie sich mit 
einem anderen Gedanken, der namentlich für die deutsche Ent— 
wicklung fruchtbar ward. Die Kontemplation ist nur denkbar 
für eine Seele, die alles Irdische dahinten läßt, die zur absoluten 
Harnack, Dogmengeschichte 32, 875, dazu die Anmerkung 1.
	        
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