279 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel.
sinnlicher Einbildung und pathologischen Zuständen des Körpers
ausartet, so entspricht es dennoch dem Wesen der deutschen Frau
mehr, als das unsittliche Verhältnis der ritterlichen Ehefrau
in der Stauferzeit zum Sänger ihrer Schönheit und ihrer
Reize. Da spielen wohl verzückte Frauen mütterlich mit dem
Jesuskind; es muß an ihrem Bette in der Wiege liegen, sie
nähren es, ja sie fühlen sich mit ihm schwanger. Und gleich
sehnendes Verlangen treibt sie zum Gekreuzigten, sie wollen
ihn küssen und umarmen, und sie tragen seinen Namen auf
ihr Herz gepreßt und auf ihre Brüste.
Solche Erscheinungen waren nicht vereinzelt. Weithin
über ganz Deutschland mit Ausnahme des Kolonisations⸗
gebietes erstreckte sich vom Rhein her die mystische Bewegung
seit den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts; zumal die
Dominikanerklöster waren ihre Mittelpunkte, doch auch die
Minoriten nahmen an ihr teil. Neben den engsten Freundes⸗
verkehr trat dabei ein ausgedehnter Briefwechsel; es ist das
erste Mal, sehen wir von den spärlichen Minnebriefen der
Ritterzeit ab, daß der deutsche Brief sich dem vollen Anliegen
des Herzens und strömend sentimentaler Mitteilung öffnete.
Schon im dritten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts erregte
diese Bewegung die ängstliche Aufmerksamkeit der kirchlichen
Obern. War sie dogmatisch zulässig? Jedenfalls griff sie ein
in die seelsorgerischen Privilegien des Klerus. So ward dem
Meister Eckart schon im Jahre 1326 der Prozeß gemacht, wenn
auch erst 1329, zwei Jahre nach seinem Tode, einzelne Sätze
seiner Lehre amtlich verdammt wurden, und auch Suso galt
als verdächtig, das Land mit ketzerischem Unflat zu beschmutzen!.
Nach der Mitte des Jahrhunderts aber ward die Inquisition
durch Karl IV. energisch gefördert?, und mit den Begharden,
gegen die man energisch vorging, traf man auch die reine
Mystik, ihre klassische Litteratur und ihre Vertreter.
Freilich: die Früchte der Bewegung waren längst ge—
1 Harnack a. a. O. S. 882, Anmerkung 1.
e PFredericq, Corpus documentorum inquisitionis haereticae pra—
ritatis Neerlandicae J (1889) 208 ff.