272 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel.
Flandern, Brabant und Holland haben sich seit dem 12. Jahr⸗
hundert auf lange Zeit hin durch großen Wohlstand, regen
Freiheitssinn, besonders warme Teilnahme am religiösen Leben
hervorgethan. Schon im 12. Jahrhundert hatte man hier
Formen religiöser Bethätigung gefunden, die, durch private
Mittel aufrecht erhalten, von jeder Förderung durch kirchliche
Autorität enischlossen absahen. Es entstanden zunächst laien⸗
hafte Frauenkonvente zu gemeinsamem religiösen Leben und zur
bung barmherziger Werke; ihre Insassinnen wurden vom
Volke Betschwestern (Beghinen) genannt. Schon im 13. Jahr—
hundert waren die Beghinen von den Niederlanden aus weit⸗
hin verbreitet, in Mittel-Deutschland traten sie seit etwa 1240
zahlreicher hervor. Und neben sie stellten sich die freien Männer⸗
konvente der Begharden; eine besondere Gruppe bilden die
„Willigen Armen“, auch Lollarden, später Alexianer genannt,
die von ihren Mitgliedern Verzicht auf alles Eigentum und
lebenslänglich bindende Gelübde forderten und sich der Kranken—
pflege und Totenbestattung widmeten. Es waren Bildungen,
die den Gedanken der franziskanischen Tertiarier vorweg nahmen;
mit ihnen, wie mit anderen später entwickelten Formen
mönchischer Laienbrüderschaften standen sie im 14. Jahrhundert
oft in freundlichem Verhältnis.
So wurden die Niederlande von einem reichen, spontan
religiösen Leben durchpulst, als ihnen mit Johann Ruysbroek
( 1381), der nach langem Kirchendienst eine ruhige Stätte im
Augustinerkloster Groenendaal bei Brüssel gesucht und gefunden
hatte, ein hervorragender Vertreter der Mystik gegeben ward.
Und Ruysbroeks Mystik erhielt bald einen wesentlich nieder⸗
ländischen Charakter. Sie streifte die fromme Liebesraserei ab,
sie ward halb quietistisch; sie zielte auf praktisch- religiöse
Zwecke; sie suchte nicht so sehr die seltenen Momente ekstatischen
Schauens, wie die dauernde Ausgießung Gottes, das ewige
Wohnen seines Geistes in uns. So ward die enthusiastische
Mystik überholt durch eine energische Wendung auf das prak—
tische Leben; in dieser Form hat sie das 15. Jahrhundert durch⸗