276 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel.
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voch die mutse den canonc.
Aber trotzdem war im ganzen geistigen Leben, in Kunst
und Dichtung, der Einschlag des Daseins noch immer durchaus
religiös und christlich; in dem Palast des reichen Patrizier⸗
geschlechts der Gruuthuus zu Brügge laufen die Deckbalken des
Banketsaales in trefflich geschnitzte Statuetten der vier Evan⸗
gelisten aus; und den großen Kamin der Küche, der zum Braten
von ganzen Ochsen eingerichtet ist, zieren Reliefs von St. Jakob
und St. Matthäus.
III.
Auf weltlichem Gebiete war das geistige Leben des 14. Jahr⸗
hunderts, wie auch noch mehrerer späterer Generationen, vor⸗
nehmlich künstlerischen, weit weniger litterarischen Idealen zu⸗
gewandt. Sehr begreiflich. Das bürgerliche Leben in seinem
raschen Treiben bot an sich dem Einzelnen wenig Muße; damit
fehlte die Voraussetzung litterarischer Produktion und litterari⸗
schen Genusses. Dagegen gab es einzelnen bevorzugten Bürgern
bald größere materielle Mittel in die Hand und schuf allgemein
einen bis dahin nicht erreichten Wohlstand; bürgerliche Kunst⸗
gönner konnten erstehen, und der Sinn für ästhetische Auffassung
des Tageslebens ward zusehends in allen Schichten gemeiner.
Dieser Strömung kam zudem auf dem Gebiete der bildenden
Kunst die eigenartige Ausbildung des bürgerlichen Handwerks
entgegen. Indem dieses nicht die Masse, sondern den Wert
der gewerblichen Erzeugnisse in den Mittelpunkt gewerklichen
Schaffens stellte, regte es ohne weiteres und nachhaltig die
Entwicklung der besseren Arbeitskräfte ins Kunstgewerbliche an.
Aus dem Kunstgewerbe aber ist dann unsere große Kunst des
15. und 16. Jahrhunderts erstanden; dem Mäcen wie dem
Volke stand sie darum zur Verfügung; Dürer hat Tafelbilder
geschaffen für bürgerliche und städtische Innenräume wie für
Andachtsstätten, aber er hat auch den Kupferstich und Holz⸗
schnitt nicht minder, ja fast noch mehr gepflegt für den Geringen
in Volke.