Geistesleben im späteren Mittelalter. 277
Diese ganze Entwicklung war an sich der Architektur nicht
zünstig; sie war, handwerklichen Kreisen entwachsend, vor⸗
nehmlich der Kleinkunst und im höheren Sinne auch der großen
Bildnerei und Malerei zugewandt. Gleichwohl hat das 14. Jahr⸗
hundert noch eine Blütezeit auch der Architektur gesehen. Sie
beruhte aber auf älteren Voraussetzungen.
Der deutsch-nationale Kunstbau war bis tief ins 8., 9.
und 10. Jahrhundert nur Holzbau gewesen; aus Holz wurden
namentlich auch die Kirchen hergestellt, so im südöstlichen
Kolonialgebiet wohl ohne Ausnahme noch bis in die zweite
Hälfte des 11. Jahrhunderts; im nordöstlichen Kolonialgebiet
ist das erste urkundlich erwähnte steinerne Gotteshaus die Kirche
von Leitzkau bei Magdeburg, 1114, und noch im Jahre 1198
wurde zu Lübeck eine Kirche aus Holz errichtet. Aber diesem
Stile und seinen technischen Möglichkeiten traten doch schon in
merowingischer, noch mehr in karlingischer und ottonischer Zeit
neue Kulturbedürfnisse entgegen, die er nicht zu befriedigen ver—
mochte. Die Könige wollten in Steinpalästen wohnen, den
alten Imperatoren gleich, und die höheren kirchlichen Stellen,
Bischöfe, Stifter und Klöster, wünschten sich Wohnräume und
Kirchen nach dem hergebrachten Basilikenstil der südlichen Länder
des Imperiums. So entstand in Deutschland vom 8. bis
ins 10. Jahrhundert eine Reihe von Bauten, deren Stil und
Disposition sich nur im Zusammenhang mit den gleichzeitigen
Renaissancen des karlingischen und ottonischen Hofes und der
beiderseitigen Reichskirchen verstehen läßt. Sie beruhen im
wesentlichen auf bestmöglicher Nachahmung südlicher, namentlich
talienischer Vorbilder in unmittelbarer oder mittelbarer Über⸗
tragung. Dem widerspricht es nicht, wenn sich im einzelnen
neue Motive und Baumittel einschleichen, wie der Wechsel von
Ziegeln und Hausteinen zur Belebung von Wandflächen, der Rund⸗
bogen an Stelle des Architravs, das Würfelkapitell, die Ab⸗
wechslung in der Stützung zwischen Pfeiler und Säule: neben
all diesen Anderungen, die etwa bis zur Mitte des 10. Jahr-
hunderts vollzogen sind, bleibt doch das Bestreben, möglichst
aintike Bauten zu errichten; bezeichnend hierfür ist, daß auch