Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

278 5wolftes Buch. Drittes Kapitel. 
alle ornamentalen Einzelheiten, also künstlerische Leistungen auf 
einem Gebiete, wo man national hätte sein können, gern auf 
die Antike zurückgehen. 
Eine Anderung trat erst ein mit dem 11. Jahrhundert. 
Mit der Befestigung des deutschen Königtums, mit der sicheren 
Durchbildung der Grundherrschaften, deren Blüte nunntehr zahl⸗ 
reiche Arbeitskräfte fast unentgeltlich zur Verfügung stellte, be— 
gann ein außerordentlicher Baueifer. Er wandte sich überall 
der steinernen Architektur zu und er schuf die importierte Bau— 
weise zur nationalen um. Namentlich geschah das in Sachsen 
und am Rhein sowie teilweis auch in Westfalen, den Haupt⸗ 
ländern des deutschen Königtums im 10. und 11. Jahrhundert; 
sie, und besonders der Mittelrhein und Niederrhein als die 
hervorragendsten Kulturländer zugleich, behielten auch noch in 
den folgenden Jahrhunderten die Führung, während Schwaben 
und Bayern keine eigenständige Entwicklung aufwiesen, sondern 
von der Auslese der im Norden gezeitigten Formen lebten. Es 
ist eine Übernahme geistiger Errungenschaften, vor allem von 
Nordwest nach Südost, die sich auch auf anderen Gebieten ver⸗ 
folgen läßt!. 
Nun hatte man aber auch in den Mittelpunkten der Be— 
wegung vom 8. bis zum 11. Jahrhundert viel von der architek— 
tonischen Kenntnis der antiken Welt verloren. Die karlingischen 
Bauten zeigen noch ein genaues Verständnis der Regeln des 
Vegetius und Vitruv, und der Gewölbebau in der Pfalzkapelle des 
Achener Münsters steht noch auf achtunggebietender Höhe. Das erste 
große Gotteshaus dagegen, das in den bald national gewordenen 
Formen des 11. Jahrhunderts gebaut wurde, die Basilika des 
h. Michael zu Hildesheim, im Jahre 1033 geweiht, konnte nicht 
mehr eingewölbt werden; die Technik des weiten Gewölbebaues 
war verloren. Was das bedeutete, erkannte man bald; schon 
1034 braunte die Basilika ab; die flache Holzdecke leitete das 
Feuer in die inneren Räume. Das war bei den häufigen 
8. B. auf dem litterarischen, val. Band III S 191.
	        
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