280 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel.
rang der bisher weit ausgedehnten Malerei der Innenräume
immer mehr Fläche ab und benutzte diese zur reichsten Gliede—
rung der Innenwände durch Säulchen, Nischen, Galerieen und
Gänge; man gliederte auch die Außenwände, man hob die Sil—
houette durch Anordnung von Türmen und Türmchen, durch
vorgelegte und in Gruppen verteilte Absiden. So wurde jene
reiche Gliederung erreicht, deren unübertroffenes Muster die
Kirche der heiligen Apostel in Köln ist. Und auch in der
Durchbildung des kleineren architektonischen wie des ornamen⸗
talen Formenkanons ging man weiter. Immer kühner wurden
die Kapitelle, immer phantastischer die Fensteröffnungen mit
ihren tiefen Ausschnitten in Lilien- und Fächerform statt des
ursprünglichen Rundbogens, immer wuchtiger wurde das Relief
herausgearbeitet zur Erzielung größerer Wirkung in Licht und
Schatten. Es war ein lustiger Weg ins Willkürliche, Barocke;
St. Quirin zu Neuß ist vielleicht sein bezeichnendstes Muster.
Aber auch über den Rhein hinaus nach Osten hin strahlte die
neue Weise weithin aus, und in Thüringen fand sie ein neues,
wenn auch weniger kokett entwickeltes Centrum.
Bei alledem wußte die neue Dekorationsweise des s ogenannten
Ubergangsstils doch, namentlich im Innern, gewaltige, zur Ehr⸗
furcht auffordernde und zur Andacht stimmende Wirkungen zu er⸗
reichen. Das Streben nach Erhöhung der Schiffe wurde immer
mehr aufgenommen, schon stellte sich das Verhältnis der Höhe
des Mittelschiffes zur Breite wie 22/2 oder 2i/8 zu 1 (im go—
tischen Kölner Dom später wie 3: 1). So entlastet sich gleich⸗
sam der schwere Stein; Gewölbe und Lichtgeschosse entweichen
der niederen Erdennähe, die Fenster erweitern sich, durch feurige
Glasgemälde bricht eine Fülle magischen Lichts und spielt in
tausend Farben auf den goldglänzenden Bildern der Wände,
auf dem reichen Wald von Säulen und Säulchen, auf dem
wechselvollen Schmucke der Kapitelle, dem phantastischen Schnitz-
werk des Gestühls. Das Auge aber verliert sich träumerisch
in das Helldunkel, das Licht und Schatten um den Reichtum
harmonischer Linien weben. Es ist ein Eindruck, der einmal.