Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 281 
etwa in Groß Sankt Martin zu Köln oder in einzelnen Teilen 
des Straßburger Münsters genossen, unvergeßlich ist. 
Eine weitere Entwicklung, als ins Malerische hin, war 
diesem Stile freilich nicht beschieden. Tektonisch war er ge— 
bunden an das starre System der quadratischen Gewölbekom— 
partimente, des feststehenden Verhältnisses von Hauptschiff und 
Seitenschiffen und der darauf beruhenden bestimmten Einteilung 
der Wandflächen des Hauptschiffes. Eine Lösung konnte hierfür 
nur gefunden werden, wenn es gelang, auch nicht quadratische 
Kompartimente zu überwölben: dann war es möglich, auf je 
ein etwa noch quadratisches Kompartiment des Hauptschiffes 
nur ein, nun nicht mehr quadratisches, sondern rechteckiges 
Kompartiment des Seitenschiffes anzuordnen: dann war das 
alte gebundene System zerstört und eine freie Anordnung des 
Grundrisses in freien Kompartimenten denkbar. Die Möglichkeit 
konnte nur eintreten bei Uberhöhung der bisher im Halbkreis 
geschlossenen Gewölbe in solche, die im Spitzbogen geschlossen 
waren, und ein Schluß im Spitzbogen war im allgemeinen nur 
durchzuführen bei Einfügung von Rippen in die Gewölbe, die 
damit sozusagen die statische Fͤhrung des Gewölbes übernahmen. 
Es sind die entscheidenden Anderungen, die zur Gotik hin⸗ 
überleiten. Denn während beim rippenlosen Gewölbebau aus 
dem Halbkreis Stein gegen Stein lastet und somit die Wände, 
die das Gewölbe tragen, überall gleichmäßig den starken Schub 
des Gewölbes aufnehmen müssen, ist im überhöhten Rippengewölbe 
der Schub zum allergrößten Teile auf diejenigen Teile der 
Wände konzentriert, wo die Rippen aufliegen. Damit entlastet 
das überhöhte Rippengewölbe die Wand als Ganzes; ist sie an 
den Stellen stark, wo sie den Schub der Rippenstellen empfängt, 
so kann sie im übrigen dünn gehalten sein. So wird nun die 
schwerfällige starke Wand des romanischen Stils beseitigt, 
duünne Wände mit den weiten Offnungen der gotischen drei⸗, 
fünf- und siebengeteilten Fenster treten ein. Nur da, wo der 
Gewölbeschub drückt, erscheint die Wand erweitert: sie wird 
zum Strebepfeiler, der aus der Wand hervorspringt. Und um 
diesem die Aufnahme des Gewölbeschubs zu erleichtern, wird er
	        
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