Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

282 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel. 
von oben her belastet: frei springt die Fiale aus ihm empor. 
Da aber, wo sich an das Hauptschiff die Seitenschiffe an— 
lehnen, wird der Schub des Gewölbes im Hauptschiff in luf⸗ 
tigen Bogen auf die Strebepfeiler der Seitenschiffe übertragen: 
so entsteht das Strebesystem, das bei fünf- und mehrschiffigen 
Kirchen den Kirchenkern mit seinen Bogen und Fialen wie mit 
einem Wald kühner Lianen und aufstrebender Stämme um— 
giebt. Es sind die grundlegenden architektonischen Glieder der 
Gotik, wie sie sich naturnotwendig aus der bloßen Überhöhung 
der Gewölbe, aus dem Verlassen des alten gebundenen Systems 
quadratischer Kompartimente ergeben. Zu ihnen tritt eine 
ziemlich starre, unfruchtbare und phantasielose Ornamentik. 
Die heiteren Formen der Übergangszeit mit ihrer frischen, 
künstlerischen Willkür verschwinden; selbst das Kapitell ver— 
liert seinen alten organischen Zierat. An die Stelle treten 
naturalistisch gezeichnete Blumen, Blätter und Zweige, die den 
dürren Stamm des Kapitells, die kahlen Flächen an den Por— 
talen umwinden, daneben macht sich Maßwerk breit, mit mathe— 
matischer Kunst aus dem Zirkel geschlagen, und alle aufstre— 
benden Glieder schmücken architektonisch umgeformte Blätter, 
die sogenannten Krabben, deren vierfaches Zusammentreffen an 
abgekanteten Fialen und Giebeln die Kreuzblume hervorruft. 
Schon diese ornamentale Armut, das anscheinend not—⸗ 
wendige Korrelat konstruktiven Reichtums, scheidet den gotischen 
Stil grundsätzlich vom Übergangsstil und dessen teils antiken 
teils nationalen Überlieferungen im Ornament; wo der eine 
sich auslebte, wird der andere sich schwerlich entwickelt haben. 
In der That sind Gotik und Übergangsstil zwei durchaus ver— 
schiedenartige Fortbildungen des klassischen romanischen Stils; 
dieser behält den Charakter des romanischen Wandstils bei und 
belebt die weiten Wandflächen in reicher, aber schließlich nur 
ornamental wirkender tektonischer Gliederung; jener entwickelt 
den Gedanken des Gerüststils, wie er in der gebundenen romani—⸗ 
schen Bauform enthalten ist, weiter und schafft ihn in lücken— 
loser Folgerichtigkeit zu etwas Neuem um, zur Kathedrale des 
13. und 14. Jahrhunderts.
	        
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