284 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel.
wie ihre Einzelheiten zeugen von selbständiger Aufnahme des
fremden Stils nicht minder wie von dem ganzen Behagen,
womit sich diese Mäcene, ästhetisch durchgebildet an den wech—
selfrohen Bauten des Übergangsstils, dem neuen französischen
Stile hingaben. Die Turmseite, von jeher ein besonderer
Stolz deutscher Kirchenbauten, wurde von vornherein anders
konstruiert, als in Frankreich; nicht schwache Obertürme auf
einem gleichmäßig charakteristerten Unterbaue wünschte man;
vom Boden ab hoben sich stolz aus dem Langhaus die Doppel⸗
türme empor, und neben dieser Lösung brachte man es schon
früh zu der höchst eigenartigen Einturmfassade des Freiburger
Münsters. Zugleich aber bildete man, noch ausgestattet mit all
der skulptorischen Feintechnik des heimischen Übergangsstils, die
Einzelheiten der neuen Bauweise ins Überzierliche, fast Filigran⸗
hafte um; die Katharinenkirche von Oppenheim bietet dafür ein
klassisches Beispiel. Und wie sehr liebte man den bunten
Wald der Türme und Fialen des Strebesystems; wie bereicherte
man sie noch mit baldachinüberschatteten Statuen, während die
Strebebogen durchbrochenes Maßwerk erhielten; es schien, als
gälte es das mitten emporragende Hauptschiff mehr zu ver—⸗
bergen, als stützend zu betonen. So kam es, daß schon gegen
die Wende des 13. und 14. Jahrhunderts die Innenräume
nicht mehr ganz der Wirkung gerecht wurden, die die Außen—
seite versprach; und nur in den glänzendsten Fällen wußte man
diesen Mangel durch vollendet malerische Anordnung des Innern,
namentlich in der wechselnden Gruppierung der Achsen der ein—
zelnen Chorteile im Verhältnis zum Hauptteile des Baues,
sowie durch richtige Abmessung der Höhen im Verhältnis zu
den Breiten der Schiffe zu decken. Wo dies aber gelang, da
allerdings wirkt dieser logisch so scharf aufgebaute Stil trotz—
dem malerisch, ja begeisternd, lösend, entweltlichend: und man
begreift, daß er der Ausdruck ist einer Zeit, da Mystik und
Scholastik in den Geistern lebendig wirkten, da der Abgrund
zwischen Rationalismus und Enthusiasmus überbrückt schien.
Aber wenn dies Zeitalter am eigenen tiefsten Bruche zu
Grunde ging, so war das Schicksal der großen geistlichen