Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 285 
Kathedralen des 18. und 14. Jahrhunderts hierfür fast von 
symbolischer Bedeutung. Beinahe keine von ihnen ist vollendet 
vworden — am wenigsten der Kölner Dom, die gewaltigste und 
genialste aller Konzeptionen; seit 1322 ruhte an ihm fast voll⸗ 
ftändig Meßlot und Meißel. Die Geistlichkeit verarmte; ihr 
ziemte nicht mehr der opferbereite Bausinn der Vorfahren. 
Da traten die Bürger an ihre Stelle; von Jahrzehnt zu 
Jahrzehnt schufen sie gewaltigere Werke, von den frühen 
Marienkirchen des kolonialen Bodens bis zum größesten 
Monument kirchlichen Bürgertums, dem Ulmer Dom (begonnen 
im Jahre 1877). Und zugleich änderte sich der Charakter 
der Gotik. Die Vorbilder der Bürger waren bis zu einem ge⸗ 
wissen Grade die Gotteshäuser der ihnen so befreundeten Bettel⸗ 
mönche, die schon früh gotisch gebaut und in einfachen, 
keuschen Formen das Ideal der mittelalterlichen Predigtkirche 
entwickelt hatten. Es waren ziemlich schmucklose Versamm— 
lungsräume von großer Weite, mit dünnen, weitabstehenden 
Pfeilern, luftig und licht, nicht zum Grübeln einladend, son⸗ 
dern zu konzentrierter Aufmerksamkeit auf das gesprochene 
Wort. Ihnen folgten die Pfarrkirchen und, mit Ausnahme 
der ältesten großen Marienkirchen am Ostseestrande, welche 
französischen Einfluß verraten, mit gewissen Abänderungen 
auch die weniger zahlreichen bürgerlichen Prunkkirchen. Ihnen 
allen ist eine sichere und klare, weniger in Zierrat als in 
Verständlichkeit der Konstruktion auslaufende Disposition der 
Fassaden eigen; auch da, wo sie aus dunklen Backsteinfliesen 
erbaut sind, wirken sie heiter; niemals fehlt das Prompte, 
Freudige des Aufbaus; dasselbe Gefühl sicherer Energie und 
wohlbegründeter Thatkraft, nicht selten auch die gleiche Kolos— 
salität der Anlage zeichnen sie aus, die wir in den profanen 
Bauten der bürgerlichen Kultur bewundern. 
IV. 
Es war kaum zweifelhaft, wie sich unter der Herrschaft 
dieses Stils die Entwicklung der Bildnerei und der Malerei 
gestalten würde, mochte er sich nun in geistlichen Bauten
	        
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