Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

286 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel. 
mächtig und prachtvoll oder in bürgerlichen Bauten einfach und 
heiter entfalten. Es handelte sich hier nicht um eine Bauweise, 
die weitherzig die Schwesterkünste einlud, sich in wandreichen 
Räumen von behaglicher Gastlichkeit niederzulassen; gedrungen 
und fest, auf sich gestellt, unduldsam und ausschließend erscheint 
der Charakter der Gotik. Da ist alles aufgelöst in absolut 
notwendige Glieder des Aufbaues, alles Sehne gleichsam und 
Nerv; und nur die großen Fenster mit ihren Glasmalereien 
schauen verwundert, ein fremdes Element, in den aufstrebenden 
Wald der Pfeiler. Denn der Vertikale wendet sich alles in 
der Gotik zu, je länger je mehr; immer höher werden die 
Schiffe im Verhältnis zur Breite, bis jene Kolossalität der 
Formen erreicht wird, welche die großen Kathedralen aus der 
Wende des 14. und 15. Jahrhunderts aufweisen. 
Da half es den Schwesterkünsten wie dem Kunsthandwerk 
nichts: sie mußten dem Zug ins Vertikale folgen. Vom ein— 
fachen Hausmöbel bis zum Altarbild, von der Taillenteilung 
der Mode bis zum Standbild des Heiligen erscheint alles über— 
höht; die Glieder strecken sich, die Falten recken sich, um in der 
Gegend des Fußgelenks in einem wirren Gemengsel kleiner 
und gedrängter Knittern zu enden. Das sind gemeinsame Kenn⸗ 
zeichen der übermächtigen Herrschaft der Architektur im 14. 
und 15. Jahrhundert; keinerlei Kunst hat sich ihnen zu ent— 
ziehen vermocht. 
Am schwersten getroffen aber wurde von dieser Tyrannei 
die der Architektur am nächsten verschwisterte Kunst, die Plastik. 
Schon die Thatsache, daß der Bildner wenigstens der früheren 
Gotik nicht ein besonderer Bildhauer, sondern in der Regel 
noch der Steinmetz der Bauhütte war, ist hier bezeichnend, 
Wie konnte ihm das besondere künstlerische Anrecht der Plastik 
am Herzen liegen? Er übernahm aus Frankreich mit der 
gotischen Bauweise auch die gotische, der baulichen Struktur 
engangeschmiegte Art des Bildens, und er glich sie rasch aus 
mit den Bestrebungen der einheimischen deutschen Bildhauer— 
kunst, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schon 
jenseits der bewundernswerten Höhe der spätromanischen Plastik
	        
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