294 Zwölftes Buch. Drittes Kapitel.
Am wenigsten trat diese fortschrittliche Seite hervor in den
Zweigen, die sich langer und großer Vergangenheit rühmen
konnten, vor allem in der Miniatur. Die Miniatur dieser
Zeit ist vielfach nichts als ein Abklatsch der französischen
Waschfarbenmalerei, die seit Ludwig IX. einen großen Auf—
schwung genommen hatte. In steter Verbindung mit Frankreich
lieferten die deutschen Künstler, in getreuer Nacheiferung der
französischen Vorbilder und Modewendungen, dieselben zierlich—
unbedeutenden, süß⸗lieblichen Darstellungen von meist außer—⸗
ordentlicher Kleinheit, dieselben Drolerien, dieselben Dornblatt—
muster, dieselben Teppichhintergründe endlich mit der Vorliebe
für die indigoblau-ziegelrote Farbenzusammenstellung, die zu
Graublau und stumpfem Hellrot abgetönt im französischen
Rokoko, in den Bildern eines Boucher etwa, wiederkehrt. Der
Charakter blieb dabei wesentlich ritterlich-aristokratisch; nur in
den höheren Kreisen war die Vorliebe für diese Miniaturen ver—
breitet. Die Luxemburger Herrscher, selbst halbe Franzosen,
haben sie gepflegt vom Erzbischof Balduin von Trier an über
Karl IV. bis auf König Wenzel; mit ihrer ständigen Residenz
in Prag wurden sie dort und in Ostdeutschland überhaupt
heimisch. Die letzte stärkere Ausbildung erhielt die Technik
dann in Wien in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts;
hier sind die Illustrationen zur deutschen Übersetzung des
Rationale Durands vom Jahre 1384 ihre ansprechendste
Schöpfung.
Welch andern Aufschwung dagegen erlebte die nationale
Kunst der einfachen Zeichnung im Federriß, die sich zur staufischen
Zeit gleichzeitig mit einer neuen Waschfarbenmalerei, der Vor—
läuferin des französischen Stils, gebildet hatten! Ihr vor
allem und am frühesten fällt die Pflege des künstlerischen Fort—
schritts im Umriß zu, ihr Mäcen ist die Nation, und ihre Er—⸗
zeugnisse wandern durch die ganze deutsche Welt. Sie will nichts
als illustrieren; in flottester Darstellung begleitet sie den Text
beliebter Autoren, die Weltchronik des Rudolf von Ems etwa
1S. Band III S. 241f.