Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

296 Zwolftes Buch. Drittes Kapitel. 
jüngste Zweig der malerischen Entwicklung. Zwar hat es 
Tafelbilder schon im 9. bis 11. Jahrhundert gegeben: als edelste 
Form nationaler Kunstübung aber trat das Tafelgemälde erst 
seit frühestens dem 14. Jahrhundert in den ästhetischen Wett— 
bewerb. Damals oder etwas später begannen wohl die frühesten 
Schulen sich zu bilden, zugleich mit der ersten Veredlung hand⸗ 
werklichen Thuns im Bürgertum. Ihre Sitze waren, sehen 
wir vom Rhein ab, wohl vornehmlich Regensburg und Nürn— 
berg; in Nürnberg erreichte die Kunst im Laufe des 14. Jahr⸗ 
hunderts schon eine achtenswerte Blüte, und im Beginn des 
15. Jahrhunderts war sie bereits kräftig genug, ein Werk, wie 
den Imhofschen Altar hervorgehen zu lassen. der mit Recht um 
etwa 1420 gesetzt wird. 
Inzwischen aber hatte Prag allen anderen Städten den 
Rang abgelaufen. Hier trafen sich am Hofe Karls IV. mit 
den deutschen fremde, französische, avignonesische, italienische 
Einflüsse. Sie alle aber überwog doch der deutsche: der Bau— 
meister des Veitsdoms, Peter Parler, stammte wahrscheinlich aus 
Schwäbisch-Gmünd, und Nikolaus Wurmser, der bevorzugte 
Maler des Hofes, war ein Straßburger Bürger. Vor allem 
aber die Malerei ist als deutsch anzusprechen. Die Malerzunft 
ließ im Jahre 1348 ihre Satzungen in deutscher Sprache auf⸗ 
zeichnen, und deutsche Anforderungen galten für ihre Prüfung 
zum Meister. Auch der größte Maler der Schule, Theoderich, 
dessen Thätigkeit in Prag sich in den Jahren 1348 bis ungefähr 
1380 nachweisen läßt, ist, falls er als Ceche geboren sein sollte, 
doch Deutscher nach Geschmack und Ausbildung. Die ihm zu— 
geschriebenen Bilder zeigen Abgängigkeit von der oberfränkischen 
Art Nürnbergs, das kräftige Inkarnat, das Nebeneinander starker 
Farben, aber dabei schon einen regen Sinn für mehr realistische 
Auffassung, und namentlich im Bildnis schon die sichere Wieder— 
gabe des nationalen Typus. Nach Theoderichs Tode freilich, 
unter König Wenzel, wurde die Schule cechisch; sie blühte in 
Südböhmen weiter bis etwa 1480, aber ihre dunkeln Tafeln 
mit dem schweren braunen Inkarnat der Männer, der etwas 
frischeren Farbe der Frauen bedeuten den Verfall. 
Und längst schon war der Höhepunkt der Tafelmalerei
	        
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