Geistesleben im späteren Mittelalter. 297
nach Westen, nach Westfalen, an den Rhein, entglitten. Hier
wurde Köln Zentrum einer ungemein fruchtbaren Produktion,
und unter seinen Malern ragte einer über alle empor, Meister
Wilhelm. Von ihm schreibt die Limburger Chronik! zum Jahr
etwa 1380: der was der beste maler in Duschen landen,
als he wart geachtet von den meistern, want he malte
einen iglichen menschen von aller gestalt als hette er ge-
lebet. Es ist das erste Mal, daß ein mittelalterlicher Ge—
schichtsschreiber eines großen Malers so gedenkt. Mit Recht.
Die Bilder, die dem Meister zugeschrieben werden können,
die Madonna mit der Bohnenblüte im Wallraf-Richartz-Museum
zu Köln, und andere verraten einen außerordentlichen Fort—
schritt. Zwar sind die Figuren noch schmächtig und überschlank,
in ihrer Feinheit gelegentlich fast zerbrechlich und schemenhaft,
aber sie leben in wenn auch noch fromm gebundener Freude an
Natur und Welt; sie atmen jugendliche Anmut und jungfräuliche
Zartheit; sie führen herab aus dem Himmel auf die Erde; ein
kinderreiner Frieden, aber doch ein Frieden von dieser Welt, liegt
über ihnen: sie sind die verkörperten Ideale bürgerlich frohen
und zugleich frommen Denkens. Das Zeitalter der großen
bürgerlichen Erhebung im späteren Mittelalter hat ihnen nichts
zur Seite zu stellen; sie schließen eine Periode ab, wie die Naum—
burger Donatoren und die Wechselburger Schöpfungen? einst
das Zeitalter ritterlicher Entwicklung geschlossen haben.
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So hat sich im 14. Jahrhundert trotz aller entgegen⸗
tretenden Schwierigkeiten, trotz der Lebenshaltung des Bürger⸗
tums, das sich nur schwer rein materiellem Wirken entriß, trotz
der besonderen Prägung, die alle Kunstgattungen von vorn—
herein durch die Übermacht der Gotik erhielten, dennoch schließ—
lich eine bürgerlich-konventionelle bildende Kunst entwickelt. Sie
war immerhin schon ein wichtiges Moment allgemeinen geistigen
1ed. Wyß S. 75.
» Val. Band III S. 245 f.