346 Zwölftes Buch. Viertes Kapitel.
für ein höheres, über ihnen stehendes Ziel. Es sind die Zeiten
des sogenannten patriarchalen Absolutismus.
Aber wie alles Menschliche, dauerte auch dieser Zustand
gegenseitiger Ausgleichung fürstlicher und ständischer Macht⸗
bestrebungen zum gemeinsamen Frommen der Länder nicht ewig.
Aus Gründen, die späterer Erörterung vorbehalten bleiben
müssen, erhob sich seit dem 17. Jahrhundert die fürstliche
Gewalt über die der Stände. Die Periode eines wirklichen
Absolutismus brach damit herein. Die ständischen Körper⸗
schaften wurden so viel als möglich zu privaten Korporationen
umgeformt und damit dem öffentlichen Rechte entzogen. Und
mehr: die fürstliche Gewalt ging darauf aus, überhaupt die
halbstaatliche Gewalt zu beseitigen, welche die einzelnen Stände⸗
glieder über ihre ländlichen und städtischen Hintersassen, über
Grundholde und Leibeigene und Bürger besaßen. Indem dieses
Bestreben im 18. Jahrhundert sich immer erfolgreicher äußerte,
um schließlich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts völlig zu
siegen, wurde die tiefste Grundlage beseitigt, auf der die Ent—
wicklung der alten Landstände beruht hatte, ihr halbstaatlicher
Charakter. Die eigenartige Thatsache, daß die führenden
Gesellschaftsschichten der Nation ihrerseits im persönlichen
Besitze politischer Gewalten waren, hörte damit auf zu be—⸗—
stehen; es erfolgte, vom politischen Standpunkte aus betrachtet,
eine der allgemeinen Tendenz nach völlig gleichförmige Ato—
misierung der Gesellschaft.
Es war klar, daß dies Vorgehen, folgerichtig entwickelt,
zu demokratischen Lebensrichtungen und damit zur Auflösung
des absoluten Staates des vorigen Jahrhunderts führen mußte.
Diese Konsequenz ist auch von einsichtigen Herrschern des so—
genannten aufgeklärten Absolutismus nicht verkannt worden.
Man suchte sie zu vermeiden, indem man im Aufbau des
staatlichen Beamtentums und der militärischen Hierarchie eine
neue, politisch und zwar zunächst absolutistisch bedingte Stufen—
folge gesellschaftlicher Schichten schuf. Die Richtung auf eine
solche Gesellschaftsbildung ist dann zugleich mit der völlig ent⸗
gegengesetzten demokratischen Tendenz auf unser Jahrhundert