,Dic Herrschaft des Wortes“,
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kann ebensogut das Rechte getroffen werden, wie auch das Falsche.
Für die Worte, die trotzdem zu ihrer Definition verurteilt werden,
ohne die Bezeichnung zu verdienen, die ihnen ein trügerischer Brauch
an den Hals gehängt hat, für diese Worte heißt es dann eben: „Begreif’
dich, oder ich fress’ dich!“ Warum soll es nicht Worte geben, die
ihrem besonderen Verhältnis zu unserem Denken nach überhaupt keiner
Definition zugänglich sind; als richtige Wechselbälge von Wesen und
Beruf! Das Eine ist natürlich mit jedem Worte, überhaupt mit jeder
Lautfolge möglich, daß man den Stiel umkehrt, und erst durch die
Definition in Willkür einen Namen schafft; wobei es noch fraglich
bleibt, ob sich jedes Wort gutwillig dazu hergibt, ob es nicht zwei
Seiten weiter der Willkür entschlüpft, und sich so verstehen läßt, wie
ihm der Schnabel undefinierlich gewachsen ist. Das sind lauter Dinge,
die sich nur von Fall zu Fall, von Wort zu Wort entscheiden lassen;
man darf da nichts über einen Kamm scheren, nichts im voraus
wissen wollen. Aber jene Sprachsitte, höflich gesagt, die will beides,
bis zur letzten Neige I Und mit dieser Gewohnheit schleicht sich dieses
Vorwissen so sehr in unser Denken ein, daß wir unwillkürlich jedem
vereinzelten Worte gegenüber etwas von dem empfinden, was man
den Glauben an die alleinseligmachende Definition
nennen könnte; sei es auch das ungebärdigste Naturkind der Sprache,
dem hernach die Definitionen auswuchern wie die Hydraköpfe. Und
schließlich auch die „Theorien“ 1 Denn wie die blinde Nennung als
„Begriff“ das Gebot der Definition nach sich zieht, und dieses Gebot
ganz von selber das Streben nach der Einen, nach der Definition er
stehen läßt, die alle anderen aus dem Felde schlägt, so wächst aus
diesem Glauben an die alleinseligmachende Definition schließlich noch
ein anderer Glaube empor, ganz unvermeidlich: Der Glaube, daß jenes
Wort, über das sich die erforderlichen Definitionen seither ergossen
hatten, schlechthin Eines sprachlich vertrete; etwas für jedermann
Nämliches, das irgendwie mehr sein muß, als jener Eine „Begriff“,
den schon jedes Durchschnittswort, den überhaupt jedes Wort schon
als solches vorstellt — unter Gewähr des Sprachgebrauchs! Dieses
Eine kann dann „Erscheinung“, und nur nebenher, gegen das Wort
hin betrachtet, „Begriff“ sein; oder vielleicht „Tatsache“ und beileibe
kein „Begriff“; das hängt dann ganz am persönlichen Geschmack. Im
ganzen eine Entwicklung, für die natürlich sehr vieles noch mithilft,
und die unter besonderen Umständen auch anders einsetzen kann, die
aber den kräftigsten Nährboden immer an jener Sprachsitte findet; sie
ist eine deutsche — und wo anders sind die „Theorien“ so üppig ins
Kraut geschossen, wie in der deutschen Nationalökonomie 1