352 Dreizehntes Buch. Erstes Kapitel.
bargen schon die volle Blüte bürgerlicher Entwicklung — waren
meist an sich bemerkenswerte Individualitäten; von einer Stadt
wie Basel oder Frankfurt konnte man sich bei gleicher Lage
unter Umständen ganz anderer Dinge versehen, als von Köln
oder Nürnberg; und das bayrische Fürstenhaus schlug unter
denselben sozialen Bedingungen vielleicht gemäß den speziellen
Anforderungen seiner Vergangenheit und seines Landes eine
entgegengesetzte Politik ein zu derjenigen, die etwa das habs⸗
burgische oder pfälzische Haus bevorzugt hätten.
So wurden die großen sozialen Gegensätze, die im tiefsten
sterne die deutsche Welt bewegten, doch gerade in ihrem hervor⸗
cagendsten Ausdruck, in dem Gegenüber von Städten und
Territorien, oftmals durch besondere Zwecke und Bedürfnisse
einzelner Fürsten oder Bürgerschaften wieder verdunkelt oder ab—
geschwächt; es kam vor, daß einzelne Landesherren zu städtischen
Koalitionen hielten und umgekehrt. Am meisten mußte das
der Fall da sein, wo die größten Territorien und die kräftig⸗
sten Städte dicht bei einander lagen: hier konnten überragende
politische Absichten und Notwendigkeiten die sozialen Differenzen
zeitweise ganz in den Hintergrund drängen. So in Nord—
deutschland; in der Geschichte der Hanse ist die Frage nach
der baltischen Secherrschaft gelegentlich wichtiger gewesen,
als der Gegensatz gegen die Fürsten. So im deutschen Süd—
osten; hier drehte sich alles um die Entwicklung der Haus⸗
machten der Habsburger und Luxemburger. So endlich im
Nordwesten; die Einwirkung des französischen Einflusses und
die Entstehung des Reiches Burgund gaben hier für die poli⸗
tische Konstellation schließlich den Ausschlag. Im inneren
Deutschland dagegen, in den Gebieten gleichmäßig mächtiger
Städterepubliken und relativ gleichmäßig entwickelter Terri⸗
torien, wo durchschlagende politische Einwirkungen und Ziele
anderer Art fehlten, mußte das sozialpolitische Moment in den
Vordergrund treten: hier recht eigentlich zeigte sich der typische
Gang der deutschen Entwicklung in dieser Zeit, hier kam es
in ziemlich geschlossener Gegnerschaft der einzelnen Stände zum
Austrag der städtischen, adligen und füͤrstlichen Gegensätze.