Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Königtum und Kämpfe zwischen Fürsten, Adel und Städten. 371 
Sparsamkeit infolge des außerordentlich hohen Zinsfußes leicht 
zu Vermögen bringen. 
In der That findet man im Beginn des 14. Jahrhunderts 
überall in Stadt und Land bis hinab in kleine Flecken, ja 
Dörfer vermögende Juden sitzen; nicht selten betrieben sie ihre 
Geschäfte in Konsortien, deren Hauptteilhaber dann in größeren 
Städten wohnten. Es war eine wohlorganisierte Auswucherung 
des gesamten Landes. Nun hatten sich hier und da die Landes— 
herren, denen der territoriale Judenschutz bereits vielfach 
an Stelle des Reichsschutzes zugefallen war, diese Lage zu nutze 
gemacht, indem sie die Juden von Zeit zu Zeit gründlich 
schatzten oder gar wohl ständig mit ihren Kapitalien in die 
Finanzverwaltung des Landes als Gläubiger hineinzogen: so 
preßten sie den voll gesogenen Schwamm zu ihren Gunflen aus. 
Allein dies System hatte mit der Mitte des Jahrhunderts eine 
furchtbare Unterbrechung erfahren. Die Zeit des s chwarzen Todes 
und der Geißelfahrten war auch die Zeit der Judenschlachten 
gewesen; entsetzlich hatte man das verhaßte Volk heimgesucht; 
ihr Gut war nach dem Ausdruck eines elsässischen Chronisten 
das Gift gewesen, das sie getötet hatte!. 
Die Folge war, daß die Juden auf dem platten Lande fast 
ganz verschwunden waren; was überlebte, zog hinter die Mauern 
der großen Städte, vor allem der Reichsstädte, wo der König 
zumeist noch den Judenschutz übte. Von hier aber begann die 
zähe Nation bald von neuem das Land auszuwuchern; schon 
nach einer Generation war die Lage hier und da wiederum 
unerträglich; ein so ruhiger Mann wie Heinrich von Langenstein 
konnte bereits um das Jahr 13892 im Reichtum der Juden 
das sicherste Anzeichen für das Nahen des Entchrists erblicken. 
Unter diesen Umständen lag es nahe, die Juden wiederum 
zur Ader zu lassen; und diese Aufgabe fiel jetzt naturgemäß 
mehr den großen Städten zu und mit ihnen dem König. 
Wenzel war nicht der Mann, eine so günstige Gelegenheit 
zum Erwerbe von Geld zu übersehen, zumal er desselben um 
S. dazu oben S. 264 f.
	        
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