Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

100 Dreizehntes Buch. Zweites Kapitel. 
fürstenkollegs unter dem universalen Kaiser; und sie zeitigte 
nicht weniger, eher noch mehr Schäden, als diese. Wie sein 
weltliches Gegenbild, so ward das Kardinalkollegium bestechlich 
und Verschwörungen gegen das regierende Haupt zugänglich; 
auch Wahlkapitulationen begann es seinen Kandidaten seit 
spätestens der Mitte des 14. Jahrhunderts abzudringen. Außer—⸗ 
dem aber zerfiel es seit dem 18. Jahrhundert fast ständig in dia⸗ 
metral entgegengesetzte Parteien; standen im 18. und 14. Jahr⸗ 
hundert französische und italienische Kardinäle widereinander, 
so später längere Zeit solche französischen und englischen 
Sinnes. 
In dieser Durchbildung beherrschten das Kardinalkollegium 
und seine Parteien seit mindestens der Mitte des 14. Jahr⸗ 
hunderts das Papsttum; die geistliche Universalgewalt drohte 
nicht minder als das Kaisertum einer Oligarchie zum Opfer 
zu fallen!. Zum verderblich klaren Ausdruck gelangte diese 
Lage im Jahre 13782. Damals setzten die Römer einen italie— 
nischen Papst durch, Urban VI. (1378 -89). Aber er wußte 
die Parteien des Kardinalkollegs nicht in Schach zu halten; 
zwölf Kardinäle zogen nach Anagni und wählten den Kardinal 
Robert von Genf, der sich Clemens VII. nannte, (1878 — 94); 
und dieser flüchtete nach Frankreich. Dem italienischen Papst 
hingen Italien, Deutschland, England an, dem französischen 
Frankreich, Spanien, Schottland, Savoyen: das Ungeheuerliche 
war geschehen, der ungenähte Rock Christi zerrissen, das 
Schisma fertig. Vierzig Jahre hat es gedauert. 
Alsbald umgab sich jeder Papst mit einer Kurie, alsbald 
brach der eine in den Machtbereich des andern ein mit Bann 
und Interdikt: so kam es zu einem förmlichen Bannkriege, und 
dem großen und universalen Schisma folgten Tausende von 
lokalen und kleinen. Zugleich aber erstrebte jeder Papst die 
alten Einnahmen der einheitlichen Zeit. Damit artete die 
raffinierte Finanzkunft der vorschismatischen Periode in ein 
Raubsystem aus, und die Kirche ward zum Kaufhaus. Wer 
Bgl. Wenck a. a. O. S. 608 ff. 
Vgl. oben S. 358, 377.
	        
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