Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

102 Dreizehntes Buch. Zweites Uppitel. 
dem Papste stehe, souverän und unangreifbar sei — eine Lehre, 
die allerdings gegenüber der Lehre von der papalen Allmacht 
des 14. Jahrhunderts einfach revolutionär war. 
Nach nochmaligen Versöhnungsversuchen der Jahre 1407 
und 1408 beriefen die Kardinäle beider Päpste eine allgemeine 
Kirchenversammlung zum Frühjahr 1409 nach Pisa. Hier 
wurden am 53. Juni die beiden regierenden Päpste abgesetzt und 
am 26. ein neuer Papst, Alexander V., gewählt. 
Allein die alten Päpste entsagten nicht; Gregor XII. hielt 
sich in Rimini, Benedikt XIII. behauptete sich in Spanien und 
Schottland. So hatte man drei Päpste, und die Gegenwart 
war ärger, denn die Vergangenheit. 
Gleichwohl war mit dem Konzil von Pisa ein Ausweg 
gefunden. Die Kirche im mittelalterlichen Sinne war als 
Ganzes thatsächlich versammelt gewesen; die Kardinäle und 
Bischöfe hatten als ihr Ausschuß gehandelt; und man hatte die 
Berufung eines neuen Konzils zum Jahre 1412 beschlossen. 
Damit hatte man dem papalen System des 13. und 14. Jahr⸗ 
hunderts die episkopale Kirchenverfassung des 3. bis 8. Jahr⸗ 
hunderts in ihren konziliaren Konsequenzen entgegengestellt. So 
war ein fester Standpunkt gewonnen; und die Publizistik der 
folgenden Jahre verfehlte nicht, die nötigen Folgerungen aus 
ihm zu ziehen. 
Besondere Bedeutung darf dabei der Westfale Dietrich 
von Niem beanspruchen, einer der schärfsten patriotischen 
Denker der Zeit, der seit der Zeit Urbans V. Beamter an der 
Kurie gewesen war und im März 1418 zu Mastricht gestorben 
ist. In einem 1410 verfaßten Traktate De schismate trug 
er gerade im rechten Zeitpunkt und mit voller Energie einen 
schon vorher von anderer Seite geäußerten Gedanken vor, daß 
nämlich, wenn die obersten kirchlichen Organe, Bischöfe, Kar— 
dinäle und Patriarchen ein nötig gewordenes Konzil zu be— 
rufen sich weigerten, der Kaiser, die weltlichen Fürsten, schließ— 
lich alle Gläubigen dafür eintreten müßten. Auf diese Art 
lebte die alte Kirchenvogtei des Kaisers, schließlich ganz auf 
die papale Kirche zugeschnitten und darum eingeschrumpft, für
	        
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