Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

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Dreizehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Sie antworteten in einer Weise, die den Bruch mit dem 
Papste nach sich zog. Sie beanspruchten das Recht der Stimm— 
abgabe auch für den fast durchweg reformfreundlich gesinnten 
Fürsten- und Gelehrtenstand. Bevor jedoch hier eine Entscheidung 
fiel, kam es zu einer andern großen Umwälzung: statt der Ab— 
stimmung nach Personen wurde eine solche nach Nationen ein⸗ 
geführt: die deutsche, englische, französische, italienische, später 
auch die spanische Nation erhielten je eine Stimme. Das hieß 
das Übergewicht der Italiener unterdrücken und den reform⸗ 
freundlichen Deutschen, Engländern, Franzosen das Übergewicht 
geben: das hieß noch mehr, dem universalen Papsttum eine 
Gliederung des westeuropäischen Christentums in Keimen von 
Nationalkirchen gegenüberstellen. Damit nicht genug, trat das 
Konzil unmittelbar in das Problem der Beseitigung des 
Schismas ein und verlangte die Verzichtleistung aller drei 
Päpste. Dazu erbot sich Gregor XII., falls seine Widersacher 
verzichteten; Benedikt XIII. ersuchte um Verhandlungen; 
Johann dem XXIII., der sich in Konstanz befand, blieb nichts 
übrig, als zu entsagen. 
Es waren große Erfolge; von ihnen getragen schritt das 
Konzil stracks vorwärts. Am 26. März 1418 beschloß es, daß 
es, regelmäßig berufen, ohne seine Zustimmung nicht eher auf⸗ 
gelöst oder vertagt werden könne, als bis die Kirchenreform 
durchgeführt sei, und am 6. April 1415 verkündete es das 
Dekret Haec sancta synodus, das ihm Amtsgewalt unmittelbar 
von Christus her zuschrieb: das Konzil stehe über dem Papste. 
Und auch diese kühnen Schritte gelangen. An die neuen 
Grundsätze schlossen sich rasch glänzende theoretische Durch⸗ 
arbeitungen des veränderten Kirchensystems, besonders seitens 
der Franzosen; damals schrieben Gerson und Pierre d'Ailly 
gleichzeitig ihre klassischen Werke De potestate ecelesiastica. 
Von den Päpsten aber wurde Johann XXIII., der sich in der 
Nacht vom 20. zum 21. März durch die Flucht dem Richter⸗ 
spruche des Konzils hatte entziehen wollen, aber in Freiburg 
gefangen genommen und nach dem Schlosse Gottlieben bei Kon— 
stanz gebracht worden war, am 14. Mai suspendiert, am 29.
	        
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