Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

108 Dreizehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Konzils eine absolute Notwendigkeit; freilich ist er nicht ge— 
lungen. Sigmund verhandelte zunächst mit Frankreich; aber 
auch seine persönliche Anwesenheit in Paris, wo die orleanistische 
Kriegspartei dominierte, führte zu nichts. So versuchte er es 
mit England. Mit England schloß er am 15. August 1416 
zu Canterbury ein Bündnis, das auf Rückeroberung der an 
Frankreich verlorenen Territorien beider Staaten lautete: jetzt 
sollte Frankreich zu guter Haltung gezwungen werden. Aber 
eine bloße Drohung mit dem Vertrage gegenüber Frankreich 
fruchtete nicht, im Gegenteil: die französischen Konzilsväter 
schlugen sich nunmehr auf die Seite der romanischen Nationen. 
Darauf blieb Sigmund nichts übrig, als an Frankreich den 
Krieg zu erklären, April 1417. Es war eine richtige Politik, 
vorausgesetzt, daß sie sich durchführen ließ. Aber davon konnte, 
wie sich alsbald ergab, keine Rede sein. Das Reich war nicht 
entfernt in der Lage, seiner Kriegserklärung Thaten folgen zu 
lassen: es zeigte sich militärisch völlig hilflos und erbärmlich: 
nicht erst die Niederlagen der Hussitenkriege haben seine militärische 
Ohnmacht offenbart. 
Natürlich zog der Bankerutt des deutschen Ansehens nach 
außen allmählich den Verfall der deutschen Führung im Konzile 
nach sich. Die übermächtige Kirchenvogtei des deutschen Königs 
erlahmte; die Gewalt lag jetzt bei den drei romanischen 
Nationen, die geschlossen vorgingen. Diese aber wollten die 
Papstwahl vor der Kirchenreform, und sie setzten ihren Willen 
durch; es war schon viel, wenn sie in einem Kompromiß vom 
19. Juli 1417 den germanischen Nationen nachließen, daß 
wenigstens die Reform am Haupt der Kirche vor der Wahl 
eines neuen Papstes beraten werden sollte. 
Aber auch hierzu kam es kaum. Die Konzilsväter er— 
lahmten in ihrem Interesse, sie sehnten sich nach der Heimat; 
die Thätigung der Papstwahl schien sie von allen weiteren 
Verpflichtungen zu entbinden. So mußten Engländer und 
Deutsche es noch als glückliche Fügung betrachten, daß ihr 
Kandidat, der Kardinal Oddo Colonna, am 11. November 
1417 gewählt ward; er nannte sich Martin V.
	        
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