16 Oreizehntes Buch. Zweites Kapitel.
ihnen im Verlauf der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts
durch königliche Machtsprüche und Beschlüsse der Landtage wieder
genommen worden: sie erschienen zu Hörigen herabgedrückt.
Die Hörigen selbst ferner, damals vielleicht der größere Teil
des Volkes, unterlagen von jeher der empörendsten Behandlung
des Adels; noch Karl IV. mußte den cechischen Grundherren
verbieten, ihnen die Augen auszustechen und sie der Nase, der
Hand oder des Fußes zu berauben. Wie mußte nun diese ge⸗
knechtete Nation eine Botschaft der kirchlichen Freiheit auf⸗
nehmen, die selbst keineswegs völlig losgelöst war von jenen
sozialen Elementen, durch deren Aufnahme Wiclif die zerfahrenen
Verhältnisse seiner Heimat hatte bessern wollen! Nicht bloß die
kirchliche, auch die weltliche Freiheit schrieb man auf die Fahne;
uingebunden und nach Willkür wollte man dahinleben in gemeiner
Freiheit alles Besitzes, aller Verpflichtungen, jeder Sitte. Der
kommunistische Traum senkte sich in die Herzen der Enterbten,
und die Entwicklung hielt nicht inne, bevor sie gelegentlich bis
zu dem grauenhaften Treiben der Adamiten entartet war.
Im allgemeinen aber bildeten sich unter der Wirkung der
geschilderten Verhältnisse zwei Parteien aus, die der gemäßigten
Calixtiner oder Utraquisten, die vor allem den Kelch im Abend⸗
mahl auch für die Laien forderten, und die der Radikalen, die
alles abgetan haben wollten, nicht nur in der Kirche, sondern
auch in Staat und Gesellschaft, was sich nicht direkt aus der
Bibel begründen ließ, und entschlossen waren, mit Gewalt die
„Feinde des Gesetzes Gottes“ auszutilgen; nach einer Feste,
die sie an der Luschnitz gründeten, nannten sie sich Taboriten;
sie bildeten das eigentlich treibende Element.
Von Sigismund hatte sich Wenzel schließlich zur Zurück—
drängung der Hussiten treiben lassen. So reinigte er seinen
Hofstaat von hussitischen Beamten und setzte er vertriebene
katholische Geistliche in ihre Pfründen wieder ein. Schürten
schon diese Maßregeln den Brand, so flammte die Volksleiden—
schaft zu tobendem Aufruhr empor, als einige der neu ein⸗
gesetzten Ratsherrn vom Rathaus aus eine hussitische Prozession
zu stören wagten: die Menge erstürmte das Rathaus und warf