248 VIIL Die Gründungsunternehmerstädte.des 12. Jahrhunderts
später als Stützpunkte einer Durchsetzung der umgebenden Gebiete länd-
lichen Charakters mit Kapitalanlagen denselben Familien zu dienen hatten.
Diese wirtschaftlich und sozial so ausgezeichnete Stellung der Unter-
nehmerfamilien wurde durch die Weiterbildung der Verfassung noch unter-
strichen. Lag schon in den Anfängen der Stadt in ihrer Hand eine Summe
von Befugnissen den übrigen Stadtbewohnern gegenüber, so hatte sich bis
zum Ende des Jahrhunderts ihre Stellung so weit gestärkt, daß sich das
ursprüngliche Unternehmerkonsortium zum Rat entwickelt hatte®), Der
heutige Senat der Freien und Hansestadt Lübeck geht letzten Endes zurück
auf die Vereinigung jener Männer, die 1158 den Wiederaufbau der Stadt
leitete, Gewiß war das alles nicht ohne Zustimmung Heinrichs des Löwen
möglich; gewiß hat er die Stadt gefördert, auch die Entwicklung ihres Ost-
seehandels. Aber es wäre verfehlt, die von ihm erteilten Privilegien nach der
Richtung zu überschätzen, als ob sie das nun mächtig emporblühende
Leben erst geschaffen hätten. Die wirkliche Kraftquelle, aus der das
Lübeck des Jahres 1158 erwuchs, war der zähe Wille des nordwestdeutschen
Bürgertums, sich nicht wieder aus dem Platz an der Ostsee verdrängen zu
lassen, eine Gefahr, die durch den Konflikt zwischen Heinrich und dem
Schauenburger bedenklich nahegerückt war.. Vermutlich wird der Exponent
dieses Wollens, nämlich das Gründungskonsortium des Jahres 1158, von
dem sehr auf das Rechnen bedachten Herzog die Verfügungsfreiheit über
das städtische Areal und auch die zur Förderung des Werkes notwendigen
Privilegien nicht unentgeltlich erhalten haben. Immerhin eine Motivierung,
die der Wahrheit näherkommen dürfte, als die vermeintliche Freigebigkeit
des reichen Stammesherzogs, mit der Rietschel die Bestimmungen seiner
Privilegien zu erklären suchte, eine Erklärung, die nur zu sehr im Widerspruch
steht mit allem, was wir sonst über den Charakter Heinrichs wissen. Zudem
war ja Herzog Heinrich als Besitzer der Lüneburger Saline auch persönlich
stark an der Belebung des Ostseehandels interessiert?).
Das etwa sind in gedrängter Form die Ergebnisse meiner topographisch-
statistischen Untersuchungen über Lübeck, die 1921 in meiner Schrift „Der
Markt von Lübeck‘‘ ihren vorläufigen Abschluß fanden. Als ich damals das
inhaltreiche Buch von v. Voltelini, „Die Anfänge der Stadt Wien‘), zur
Hand bekam, ergaben sich so mancherlei Beziehungen, daß sich mir der
Gedanke aufdrängte: Hier müssen ähnliche Entstehungsursachen vorhanden
gewesen sein!!). Diese Überzeugung hat sich bei mir nach dem Studium der
neuesten Arbeiten zur Wiener Geschichte, insbesondere der von Groß über
die Wiener Erbbürger!?), noch verstärkt. Allerdings, v. Voltelini selbst
hat für Wien die Frage. auf einen der österreichischen Markgrafen als Stadt-
gründer abgestellt, seine letzte Äußerung rechnet mit dem 1053 verstorbenen
Markgrafen Adalbert als Stadtgründer*®). In seinem ersten Buche hat von
Voltelini die Frage nach der Person des Gründers offengelassen:; diese selbst