Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Konziliare Bewegung, Wiener Konkordat vom Jahre 1448. 425 
Gegenteil: das Konzil wollte, wie über den Papst so über den 
Kaiser herrschen als oberste leitende Versammlung Westeuropas; 
und eben war es im Begriffe, sich aus einem beratenden Körper 
zu einem vollziehenden in diesem Sinne zu entwickeln. Es 
nahm nicht bloß in rascher Folge eine Reihe wichtiger Reform⸗ 
dekrete an; es begann auch von Eheverboten zu dispensieren, 
schlichtete Streitigkeiten zwischen Bischöfen, besteuerte die 
Christenheit für den Kreuzzugsgedanken, führte die päpstlichen 
Einnahmen nach Basel ab. Ja mehr: es vermittelte einen 
Frieden zwischen Burgund und Karl VII. von Frankreich, es 
schloß in Sachen der griechisch-lateinischen Union einen Ver— 
trag mit den Griechen ab, welcher auch weltliche Dinge um— 
faßte, die Kaiser Sigmund als König von Ungarn aufs un— 
mittelbarste berührten; und es riß sogar die Entscheidung in 
einer rein lehnsrechtlichen Frage des Reiches an sich, indem es, 
gegen die Entscheidung Sigmunds, in der sächsischen Erb— 
angelegenheit dem Herzog von Sachsen-Lauenburg die sächsische 
Kurwürde zusprach. 
Sigmund erschien vom Konzil nicht minder bei Seite ge— 
schoben, als der Papst; nur mit Mühe vermochte er die 
schlimmsten Kompetenzüberschreitungen der Väter zu verhindern. 
Da kam die Rettung von einer anderen Seite. Das Konzil 
ging an seiner eigenen Maßlosigkeit zu Grunde. Indem es 
immer radikaler lehrte und handelte, indem die öden Instinkte 
der demokratischen Elemente in ihm siegten, verscherzte es sich 
die Sympathien der gemäßigten Mehrheit. Indem es An— 
spruch auf Anspruch baute, verlor es die Achtung der realen 
geschichtlichen Mächte. Entscheidend ward in dieser Hinsicht 
eine Angelegenheit, die schon länger die denkenden Köpfe der 
abendländischen Christenheit beschäftigt hatte. Die zunehmende 
Bedrängung des byzantinischen Reiches durch die Türken verwies 
die orientalischen Kaiser auf den Schutz des Abendlandes; er 
schien leichter zu erwerben, wenn er Hand in Hand ging mit 
einer Vereinigung der orientalen und occidentalen Kirche. 
Es war ein vom Papsttum und vom gesamten kirchlichen 
Abendland seit Jahrhunderten erstrebtes Ziel; man schätzte sich
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.