Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

151 Dreizehntes Buch. Drittes Lapitel. 
rühmlich; die Nation aber konnte dies Avulsum imperii 
verschmerzen. Auch die Bourgogne und die Freigrafschaft 
Burgund sind, wiewohl zum Reiche gehörig, doch niemals 
deutsch gewesen; vom nationalen Standpunkt mochten sie ver⸗ 
loren gehen. 
Wie anders aber die Niederlande! Sie standen durch die 
Hanse und den Verkehr auf dem Rheine im engsten Zusammenhang 
mit allen Gebieten der süddeutschen, norddeutschen und nuttel 
deutschen Kernländer, sie waren der Nationalität nach deutsch, und 
ihr kräftiges Bürgertum fühlte auch deutsch bis hin gegen Lille 
und Douai, gegen Valenciennes und Namur. Nun ließ sich die 
burgundische Gewalt gerade hier, in den Gegenden der großen 
vlamischen Städte, nieder. Und das Unglück wollte, daß sie sich 
noch dazu gerade in der Zeit des Verfalls der üppigen germanischen 
Städtekultur des 14. Jahrhunderts geltend zu machen begann. 
So ward es ihr verhältnismäßig leicht, eine volle Herrschaft 
zu begründen. Diese konnte freilich keine alte Lehnsmonarchie 
mehr sein: denn es gab in diesen Landen neben den Städten 
keine größeren Vasallen mehr; fie konnte aber auch nicht schon 
eine volle Monarchie absoluter Fürstengewalt werden: dem stand 
immerhin noch die Freiheit der Großstädte entgegen. Das Ergebnis 
war vielmehr schließlich eine fast einzigartige Herrschaft, die sich am 
ehesten mit den italienischen Tyrannenherrschaften des Quattro— 
und Cinquecento vergleichen läßt: denn fie beruhte auf der 
Unterwerfung der wichtigsten politischen Interessen der großen 
Städte unter den Herzog. Errungen ward diese, indem die 
Macht der städtischen Schöffen gemindert und die Koalitions— 
freiheit der Zünfte und Gilden gebrochen ward; vieles wurde 
auch durch die Isolierung der einzelnen Städte voneinander 
erreicht. 
Es versteht sich, daß solche Maßregeln die alte deutsche 
Selbstherrlichkeit der Städte, der Edelsteine des Landes, brechen 
mußten. Und sie brachen sie zu Gunsten französischer Kultur 
und Verfassung. Denn jene Maßregeln der burgundischen 
Fürsten waren französischen nachgebildet: hier hatten die 
Könige schon früh Prévots eingesetzt zur Unterdrückung der
	        
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