Verfall des deutschen Einflusses nach außen, Ruin im Innern. 455
städtischen Selbstverwaltung, hatten den Bürgern die Waffen
entzogen, die Steuern erhöht und für sie eine centralistische
Justiz⸗ und Finanzverwaltung errichtet. So zog das Fran—
zosentum ein, um so mehr, als die Herzöge Vollfranzosen waren
und sich stolz fühlten als Prinzen aus dem Hause Valois,
das den Lenden Charlemagnes, auch eines Franzosen, ent—⸗
sprungen sei.
Damit begann denn die schon seit längerer Zeit beein⸗
trächtigte! nationale Vergangenheit des Landes gefährdet und
gefälscht zu werden, ohne daß sich doch jemals Ursprünglichstes
unterdrücken ließ: das Unglück der Zwiesprachigkeit und der
Zwist verschiedenartig begründeter Lebensanschauungen zog ein
in das blühende Land; und noch heute hat es sich von dieser
Zwitterbildung seiner Geschichte nicht wieder erholt. Das Kom—
mende aber sahen schon in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahr⸗
hunderts denkende Köpfe voraus: bereits im Jahre 1416 hat
König Sigmund burgundisch gesinnte Gesandte von Brabant
vorwurfsvoll gefragt: Vultis ita esse Francigenae?s Die
Schuld Friedrichs III. aber ist es, die Niederlande trotz klarer
Sachlage weit über das Maß unvermeidlichen Entgegenkommens
hinaus an Burgund gefesselt zu haben.
III.
So lagen die Dinge an den westlichen Grenzen Deutsch—
lands um die Mitte des 15. Jahrhunderts fast verzweifelt;
und wir haben früher gesehen, daß die Zustände im Südosten
kaum anders charakterisiert werden konntens. Wer daher der
Zukunft des Reiches noch vertrauen wollte, der mußte bei der
Abgelegenheit der norddeutschen Gebiete auf die Kräfte der
mittleren Länder, vornehmlich Süddeutschlands, rechnen.
Aber hier war die Lage um die Mitte des 15. Jahr—
S. oben S. 141.
⁊ Galesloot im Bull. de comm, hist. de Belgique 5, MT.
2 S. oben S. 4.