40
Elftes Buch. Erstes Kapitel.
er lauschte, zog er seine letzte Reise rheinabwärts. In Speier
verschied er Tags nach seiner Ankunft, am 15. Juli 1291.
Die dichterisch gehobene Überlieferung berichtet, daß dem
Könige auf seinem Grabesritt Volk aus allen Schichten, aus
Städten und Dörfern entgegengelaufen sei, um noch einmal sein
Antlitz zu schauen. Es ist eine im höheren geschichtlichen Sinne
gewiß wahrhaftige Nachricht. Rudolf war nicht bloß bei
Lebzeiten beliebt, weil er die echt menschlichen Eigenschaften der
Leutseligkeit besaß, seine Gestalt ist der Nation auch nach seinem
Tode ein teures Vermächtnis geblieben. Er stand nicht bloß
auf sich: er war, ganz abgesehen von seinen Verdiensten um das
Reich, ein typischer Vertreter seiner Zeit, und darum hatte er,
als Ausdruck eines Zeitalters, das Recht fortzuleben für immer.
Rudolf war trotz aller Tapferkeit kein Held und trotz alles
frommen Sinnes kein Heiliger mehr, wie sie unter den Heroen—
gestalten der Ottonen und Salier gewandelt waren. Und ob—
wohl er einen Zug jener adligen Frohnaturen hatte, die im
Sattel mehr daheim sind als auf dem Stuhle des ratheischenden
Herrschers, die gelegentlich überfliegende Pläne entwerfen und
sich wohl fühlen in fürstlichem Gepräng, so gehörte er doch
nicht mehr dem staufischen Zeitalter an, das diese Naturen be—
günstigt hatte, und wich darum weit ab von dem ritterlichen Typus
seiner letzten großen Vorgänger. Er war schlank und übergroß,
von kleinem Kopfe, aus dessen von sorgenden Runzeln durchfurch—
tem Antlitz zwei kluge Augen abwartend hervorschauten, bartlos,
von straffem, langwallendem, nur an den Enden gelocktem Haupt—
haar; er zeigte feine Finger und schmale Füße: er war der halb—
zroßkaufmännische Rittersmann. Und so war er auch geistig
zusammengesetzt; er war im Umgange mit Angehörigen höherer
Stände ein Rechner, diplomatisch wie finanziell, er war schlicht,
sparsam, mäßig, im Erfolge von launigem Witz, doch selbst im
Ausdrucke höchster Befriedigung vorsichtig und abgewogen in
seinen Empfindungen. Das hinderte ihn nicht, ein guter Kame—
rad auch der Niedrigsten im Volke zu sein; ja er liebte den
Scherz des Lagers; und that es not dreinzuhauen, so frohlockte
in ihm das Blut seiner Ahnen.