Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

36 Elftes Buch. Zweites Kapitel. 
frische Schüler, unvermittelt und unter Drangabe eigener, minder 
vollendeter Denkversuche, auf die kirchliche Tradition wirken. 
Die Folge war, daß unter der Anwendung einer das eigene 
Denkvermögen weit überragenden formalen Methode die Über⸗ 
lieferung der abendländischen Kirche nicht als transzendente 
Dogmatik, sondern vielmehr als ein beweisbares und bewiesenes 
metaphysisches System bearbeitet ward. Damit waren denn 
Autoritätsglauben und Wissenschaft in- und durcheinander ge— 
raten; man glaubte schließlich sogar, daß es Wahrheiten gäbe, 
die nur auf dem Wege der Offenbarung vorlägen, die mithin 
der menschliche Verstand nicht aus sich ableiten könne. Es 
versteht sich, daß auf diese Weise die kirchliche Autorität in 
jedes junge, eben erst erwachende Denken der abendländischen 
Völker eingeschoben ward; die Grenzen des Credo und Intelligo 
wurden vollkommen zu Gunsten des Credo verschoben: aller 
Ertrag der neu emporquellenden intellektuellen Kräfte kam zu— 
nächst der Kirche und der Herrschaft ihres Systems zu Gute. 
Nun war aber der Hauptstoff, welchen das scholastische 
Denken aus der Überlieferung der letzten Jahrhunderte der 
abendländischen Kirche heraus zu verarbeiten hatte, in der 
vorwiegend sinnlichen Auffassung der Sakramente gegeben: eben 
indem die Welt bis ins 12. Jahrhundert hinein sich das Wirken 
der christlichen Heilswahrheiten sinnlich in magische Ergüsse 
göttlicher Gnade umgedeutet hatte, hatte sie sich das Christen— 
tum angeeignet. Der Scholastik blieb mithin nichts übrig, als 
dieses, jedem rationalen Denken an sich völlig unzugängliche 
Gebiet gleichwohl nach der erkenntnistheoretischen Methode des 
Aristoteles auszubauen. Sie stellte dabei die Zahl der Sakra— 
mente so fest, daß sie das ganze Leben des Menschen begleiteten; 
sogar die Ehe galt als Sakrament, obgleich ihr sakramentaler 
Charakter nur durch eine unserem Denken überaus kühn er— 
scheinende allegorische Deutung zu rechtfertigen war. Vor 
allem aber gab sie dem Meßopfer in der Transsubstantiations— 
lehre den rechten Unterbau und leistete sie damit der Adoration 
der erhobenen Hostie und der Einführung des Fronleichnams— 
festes (1264 und 1311) Vorschub; nun erst recht erschien der
	        
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