Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

356 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
bedächtigen Niedersachsen verbreitet; wo sie siegte, da geschah 
es wenigstens in den größeren Städten fast immer im Gefolge 
bürgerlicher Unruhen, unter gleichzeitiger Erhebung der Ge— 
meinde. So in Münster und Osnabrück im Jahre 1525. Und 
leicht schlug die revolutionäre Gärung halb ins Kommunistische 
um; um 1530 zeigten sich Spuren hiervon in Lippstadt, in 
Minden, in Soest. 
Bei dieser allgemeinen Lage unternahm es seit 1531 der 
Prediger Bernd Rothmann, Münster mehr als bisher der 
evangelischen Lehre zuzuführen. Er begann lutherisch; er 
ging zu zwinglischen Lehren über; er endete im Radikalismus. 
So traten ihm die Anhänger der alten Kirche nicht minder 
entgegen, wie die gemäßigten Evangelischen; Ende 1533 hallte 
die Stadt wieder von Drohungen, Rottierung und Waffen⸗ 
geschrei. 
In diesem Augenblick erschienen holländische Schwärmer, 
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gärenden Täufertum der Niederlande. Sie wollten die Stadt 
ihrer Lehre gewinnen; sie begannen die besseren Kreise der 
Bürger zu ängstigen. Und ihnen folgte gegen Ende Februar 
1534 Mathys selbst, der Führer. Nun wurden die Täufer 
Herren der Stadt, und Mathys begann lang gehegte Wünsche 
zu verwirklichen. Ein weitgehender Kommunismus der Güter, 
eine an Weibergemeinschaft streifende polygamische Lebenshaltung 
wurden eingeführt; natürlich waren sie weder herzustellen noch 
aufrecht zu erhalten ohne brutale Gewalt und kriegerische 
Organisation der Massen. Vergebens erhoben sich die ge— 
mäßigten Glemente der Stadt noch einmal; sie wurden ver— 
trieben oder gerichte. Darauf ward eine völlig kom— 
munistische Theokratie hergestellt, und als Mathys gefallen 
war, richtete ein populärer und rücksichtsloser Führer des hol—⸗ 
ländischen Täufertums, Jan von Leiden, den Stuhl Davids 
auf und herrschte als gottseliger Tyrann über die Stadt. 
Es waren Zustände, die sich in ihren grotesk-abscheulichen 
Einzelheiten nur bei völliger Ohnmacht des Reiches hatten 
bilden können; ihren Urhebern, die einstweilen nur von unzu—
	        
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