Die Dichtung der Renaissance in ihren unmittelb. Abwandlungen. 231
Werkzeug der Mitteilung jeder Versuch feinerer Durchbildung,
iberhaupt jede geistige Bemuhung überflüssig sei und vom Übel.
So ging denn eine unglückliche Entwicklung, die schon
seit dem Untergange des Minnesangs begonnen und unter der
Umbildung des Mittelhochdeutschen zum Mitteldeutschen, einem
Stimmwechsel gleichsam der Sprache, zugenommen hatte, jetzt
reißenden Weges weiter: die dichterische Form zerstob; eine
entsetzliche Geschmacklosigkeit der poetischen Sprache im ein⸗
zelnen, eine volle Zersetzung des metrischen und vornehmlich
rhythmischen Baues im ganzen trat ein. Es war eine Bewegung,
die im Grunde nur auf einem Gebiete nicht völlig durchdrang:
da, wo erst im 16. Jahrhundert eine Überlieferung von großer
Festigkeit geschaffen worden war, auf dem Gebiete der schönen
kirchlichen Literatur, wenn es gestattet ist, diesen Begriff zu
bilden; auf dem Gebiete der Andachtsbücher, der Erbauungs—
schriften und vor allem der Kirchenlieder und der geistlichen
Dichtung. Hier blieben noch zum guten Teil die klassischen
Formen lutherischer Rede bestehen; das Kirchenlied wurde seit
dem 17. Jahrhundert zwar milder, persönlicher, aber noch in
dieser zweiten Hälfte sind die herrlichen Gesänge Paul Gerhardts
zuerst erschollen; und auch der katholischen Kirche ist in den
Liedern der Trutznachtigall des edlen Jesuiten Spee, die 1649
erschienen, ein voller Strauß geistlicher Dichtungen von wunder⸗
harer Innigkeit, wenn auch gelegentlich etwas süßlichem Ge—
ruche gebunden worden.
Blieb auf dem kirchlichen Gebiete mit der strengeren Form
des 16. Jahrhunderts, wie sie namentlich die eigentlichen
Kirchenlieder auszeichnet, auch der dichterische Gehalt lebendig,
so begannen im übrigen die älteren Formen selbst da verloren
zu gehen, wo ihr Bestand am gesichertsten zu sein schien: im
Volkslied.
Das Volkslied war in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahr⸗
hunderts zum Teil der Straße langsam entrissen und in ein Gesell⸗
schaftslied der mittleren Stände verwandelt worden. Zugleich aber
hatte es den Einfluß des mächtig empordringenden musikalischen
Lebens erfahren: die Melodie war bei ihm allmählich wichtiger