Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

94 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
hart, doch unter Wahrung eines blauen Gesamtcharakters des 
Tons, stellten sie die Farben in schreiender Behandlung neben— 
einander, so daß sie gleichsam asketisch wirkten, und erhöhten 
die Seltsamkeit der reflex- und übergangslosen Eindrücke noch 
durch Goldgründe und goldene Glorien, durch Goldsäume an 
der Gewandung und durch Engelsgestalten, die goldhaarig 
etwa auf goldenen Harfen spielten. Auch gaben sie im wesent— 
lichen nur Figurenbilder; nebenher vorkommendes Landschaft— 
liches wurde seiner geologischen Grundlage nach in hohem 
Grade zeichnerisch stilisiert und in der Vegetation so behandelt, 
als wären deren Teile in nächster Nähe gesehen: was dann 
die Individualisierung, zugleich aber auch eine der Zahl der 
wiedergegebenen Pflanzenexemplare nach spärliche und zer— 
streute Behandlung des vegetativen Wuchses zur Folge hatte. 
Im Jahre 1815 aber gelang den Genossen dieser Kunst 
zum ersten Male auch eine größere Tat; sie begannen in dem 
Hause des preußischen Konsuls in Rom, Bartholdy, die jetzt 
in der Berliner Nationalgalerie befindlichen Fresken zu malen, 
acht Bilder aus der Geschichte Josephs. Und diesen Fresken 
folgten später Wandgemälde in der Villa des Fürsten Massimi, 
der mit einer sächsischen Prinzessin vermählt war: Szenen 
aus Ariost, dem Lieblinge später Böcklins, dessen Verherr— 
lichung in Goethes Tasso damals hell in den Ohren der 
deutschen Zeitgenossen klang. Es waren Arbeiten von müh— 
seligster Technik; doch wurde man sich in ihrem Verlaufe 
darüber klar, wie sehr sich die neue Auffassung gerade für 
Wandgemälde eigne. Indes nicht allzulange Zeit verging, so 
hatte man auch über den Tafelgemälden alle Schulung des 
Rokokos vergessen und Mengs hassen gelernt, ja erblickte selbst 
in Carstens nur noch einen Vorläufer der neuen Kunst der 
Gegenwart: die Romantik hatte gesiegt. 
Eins der Häupter, wenn nicht das Haupt der Frühzeit 
dieser Entwicklung war Overbeck (1780 -1869). Er ist der 
in besonderem Sinne religiöse Maler des Kreises, ein wieder— 
geborener Fra Angelico gleichsam, wie Meister Wilhelm mild, 
andächtig, lauter, bis zu seinem Tode trotz römischen Aufenthalts
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.