Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 47 
es gibt von ihr keine unserem Verstande adäquate Erkenntnis. 
Aber gleichwohl, ja um so mehr lebt diese Welt in uns, und Gott, 
Freiheit und Unsterblichkeit sind ihre unbedingten Forderungen. 
Indem diese Forderungen unser Handeln bestimmen, soll es 
anders ein sittliches sein, sind sie, Geschöpfe unserer Vernunft, 
zugleich die Beherrscher unseres an sich freien Willens durch 
das Gebot der Pflicht, und indem sie über uns herrschen, be⸗ 
herrschen sie, selbstgewählte Souveräne unseres Innern, die 
Welt. So wird diese Welt in der Art, wie wir sie erkennen, 
theoretisch, der Ausdruck unseres Verstandes und unserer An⸗ 
schauung, in der Art aber, wie wir sie in sie hineinwirken, 
praktisch, der Bereich unserer selbstgeschaffenen sittlichen Mächte 
und damit uns untertan in jedem Betracht. Das Bibelwort, 
daß der Mensch herrschen solle über die Welt der Erscheinungen, 
über die Tiere des Waldes, die Vögel der Luft, die Fische 
im Wafßfer, jene primitiv anschauliche Lehre von der geschicht— 
lichen Entwicklung im Sinne eines Fortschrittes äußerer mensch⸗ 
licher Beherrschung der Umwelt, hier erhält sie die tiefste 
Wendung auf die geistige Abhängigkeit dieser Außenwelt von 
uns, unserem Subjekt, unserem Verstand und Willen. Es ist 
die triumphierende Lehre von der anthropozentrischen Ent— 
faltung aller Kultur: noch nie war der Mensch in seinem 
theoretischen Vermögen wie in seinen praktischen Bedürfnissen 
so sehr als beherrschender Mittelpunkt höchster Entwicklung be— 
griffen worden. 
Zugleich aber wurde durch diese Lehre die Sittlichkeit in ge⸗ 
wissem Sinne von der Religion gelöst. Gewiß sind aktive Willens— 
kräfte des Menschen immer noch erst in Verbindung mit Ideen 
über das Unsichtbare vollends entbunden worden; und auch der 
Ethik Kants fehlt diese Verbindung nicht. Aber ihren Zusammen⸗ 
hang speziell mit der christlichen Offenbarungsreligion wird man 
doch nur durch Heranziehung einer losen Verwandtschaft der 
Postulate Gott, Freiheit und Unsterblichkeit mit christlichen Ideen 
herstellen können. Und eines war jedenfalls etwa zu derselben 
Zeit erreicht worden, da in der französischen Revolution der 
Staats- und Rechtsbegriff der neuen Zeit zum erstenmal ent—
	        
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