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Einleitung.
schieden ausgeprägt wurde: neben jenem Pflichtenkreise, dessen
Inhalt durch den äußeren Zwang staatlicher oder kirchlicher
Gesetze eingeschärft werden muß, war, unabhängig von jeder
Offenbarung, rein aus den Bedürfnissen der subjektiven Persön—
lichkeit heraus eine Summe von Pflichten proklamiert worden,
deren Gefühl als uns einfach eingeboren behauptet wurde.
Es ist im Grunde eine Summe nicht transzendenter Natur,
sondern der Niederschlag des sittlichen Empfindens aller früheren
Kulturzeitalter und des jüngsten zumal; es ist der Ausdruck
der Tatsache, daß die sittliche Erziehung der Persönlichkeit
innerhalb der nationalen Entwicklung bis zur Mündigkeit ge⸗
diehen war. Indem aber der Kreis dieser autonomen Pflichten,
der sich nun in kräftigem Wachssstum neben dem Kreise des
heteronomen Pflichtenkodex des Rechtes, des Staates und der
Kirche aufbaute, schon so groß war, daß es seiner begrifflichen
Zusammenfassung unter wenigen transzendent erscheinenden
Ideen bedurfte, wurde zum erstenmal etwas wie ein Koder
der Humanität entwickelt: erschienen die innersten Pflichten⸗
gebote als Ausdruck einer, wenn auch noch in begrenzten
Kreisen großgewordenen geschichtlichen Menschlichkeit.
Wird es dabei möglich sein, schon jetzt aus einer bloßen,
dazu noch stizzenhaften Betrachtung nur Kants die Haupt⸗
elemente subjektivistischer Weltanschauung überhaupt abzuleiten?
Es bezeichnet die überragende Stellung des Philosophen, wie
sie sich ja auch in der nicht enden wollenden Nachblute des Neu—
kantianismus ausspricht, daß dies mindestens für die Charakte⸗
ristik jener Menschenalter möglich ist, die seit Kant bis zum
heutigen Tage verflossen sind. Und da ergeben sich denn zwei
Grundnormen der Betrachtung. Einmal wird von der Welt des
Seienden mit ihren besonderen Gesetzen eine Welt der Werte
unterschieden, deren Vorstellungen von denen der Welt des
Seienden so getrennt sind, daß beide gar nicht in Konflikt
geraten können. Und zweitens wird die Annahme eines Über—
weltlichen und Unbedingten auf Postulate der praktischen Ver⸗
nunft und Bedürfnisse des Gemütes zurückgeführt.
Nach alledem ist klar, in welchem Sinne sich Frömmigkeit