Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

* 
Einleitung. 
schieden ausgeprägt wurde: neben jenem Pflichtenkreise, dessen 
Inhalt durch den äußeren Zwang staatlicher oder kirchlicher 
Gesetze eingeschärft werden muß, war, unabhängig von jeder 
Offenbarung, rein aus den Bedürfnissen der subjektiven Persön— 
lichkeit heraus eine Summe von Pflichten proklamiert worden, 
deren Gefühl als uns einfach eingeboren behauptet wurde. 
Es ist im Grunde eine Summe nicht transzendenter Natur, 
sondern der Niederschlag des sittlichen Empfindens aller früheren 
Kulturzeitalter und des jüngsten zumal; es ist der Ausdruck 
der Tatsache, daß die sittliche Erziehung der Persönlichkeit 
innerhalb der nationalen Entwicklung bis zur Mündigkeit ge⸗ 
diehen war. Indem aber der Kreis dieser autonomen Pflichten, 
der sich nun in kräftigem Wachssstum neben dem Kreise des 
heteronomen Pflichtenkodex des Rechtes, des Staates und der 
Kirche aufbaute, schon so groß war, daß es seiner begrifflichen 
Zusammenfassung unter wenigen transzendent erscheinenden 
Ideen bedurfte, wurde zum erstenmal etwas wie ein Koder 
der Humanität entwickelt: erschienen die innersten Pflichten⸗ 
gebote als Ausdruck einer, wenn auch noch in begrenzten 
Kreisen großgewordenen geschichtlichen Menschlichkeit. 
Wird es dabei möglich sein, schon jetzt aus einer bloßen, 
dazu noch stizzenhaften Betrachtung nur Kants die Haupt⸗ 
elemente subjektivistischer Weltanschauung überhaupt abzuleiten? 
Es bezeichnet die überragende Stellung des Philosophen, wie 
sie sich ja auch in der nicht enden wollenden Nachblute des Neu— 
kantianismus ausspricht, daß dies mindestens für die Charakte⸗ 
ristik jener Menschenalter möglich ist, die seit Kant bis zum 
heutigen Tage verflossen sind. Und da ergeben sich denn zwei 
Grundnormen der Betrachtung. Einmal wird von der Welt des 
Seienden mit ihren besonderen Gesetzen eine Welt der Werte 
unterschieden, deren Vorstellungen von denen der Welt des 
Seienden so getrennt sind, daß beide gar nicht in Konflikt 
geraten können. Und zweitens wird die Annahme eines Über— 
weltlichen und Unbedingten auf Postulate der praktischen Ver⸗ 
nunft und Bedürfnisse des Gemütes zurückgeführt. 
Nach alledem ist klar, in welchem Sinne sich Frömmigkeit
	        
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