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Zweiundzwanzigstes Buch.
Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn' es dann, wie du willst,
Nenn's Glück! Liebe! Herz! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles.
So hat der jugendfrische Goethe empfunden; und der
alternde formulierte es nur bedächtiger: „Ich glaube an einen
Gott‘: Dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott an—
erkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die
Seligkeit auf Erden.“ Und so fühlten, so empfanden im
Grunde auch all die Großen der Zeit, ein Herder, ein Kant,
ein Schiller: und trotzig mochte der alte Goethe von seinem
Glauben und dem Glauben der Besten dieser Zeit sagen: „Es
wäre nicht der Mühe wert, siebenzig Jahre alt zu werden,
wenn alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott.“
In der Tat: auf dem tiefsten Ankergrund des neuen
Seelenlebens war diese neue Gottesinnigkeit befestigt: denn
wie mochte eine Zeit, der Seelenleben engstverschlungenes
Zusammenwalten aller geistigen Kräfte hieß, einem Gotte
leben, der nur von außen stieß? Auch diesmal malte sich der
Mensch in seiner Anschauung der Ewigkeit.
Aber hieß diese Anschauung nicht auch Entsagung? Be—
durfte es nicht stiller Selbstüberwindung, jene letzten Kammern
des Lebens nicht gewaltsam zu öffnen, die sich dem Wissens⸗
bedürftigen so hartnäckig verschlossen? Wie schwer mochte
da dem Forschenden die Antwort auf ein Wie?, Wann? und
Wo? lauten —“
Die Götter bleiben stumm!
Du halte dich ans Weil, und frage nicht warum!
Und konnte die Süßigkeit des Schauens allein über all die
herben Stunden der Resignation hinwegheben? Es ist mit—
nichten Goethes Meinung. Intuition ist ein hoher Wunsch,
doch nicht der höchste. Der zweifelnden Pein der Entsagung
kann nur Herr werden, wer schafft; und über dem Anschauen
steht die Pflicht. So fährt Faust wohl hinab zu den Müttern,