Full text : Neueste Zeit (Abt. 3)

Vene Weltanschauung.

—F

Natur, wer sie da heraushole, der habe sie. Gewiß bestehen
bei all dieser Übereinstimmung der schöpferischen Naturen der
Kunst und Dichtung über die Art ihrer Tätigkeit noch Unter—
schiede für die einzelnen Zeiten und Zeitalter; so in der
Intensität des ursprünglichen Erfassens der Natur, die z. B.
durch das Einspannen wissenschaftlicher Beobachtungsmittel sehr
gesteigert werden kann; so in dem fehlenden oder vorhandenen
Wettbewerb, der dem eigenen Auffassen des Künstlers durch
die noch fortwirkende Auffassung der Künstler der Vergangen⸗
heit gemacht wird; so vor allem in den Unterschieden des
Seelenlebens der einzelnen Kulturzeitalter, aus deren Nähr⸗
boden der schaffende Künstler die Kräfte spezifischer und zeitlich
wechselnder Auffassungsfähigkeit saugt. Aber in seinen elemen⸗
taren Eigenschaften bleibt sich der schöpferische Akt des Künstlers
doch allezeit gleich: und die Erahndung dieser Eigenschaften
in eingehendstem Anschauen und Denken hat eben Goethe vom
Künstler gefordert.
In die besondere Zeit des Klassizismus aber stellte Goethe
in seinen Betrachtungen das Urphänomen der Kunst durch
eine Anzahl von Beobachtungen, die sich am besten in einem
Aufsatze des Jahres 1788 mit der Überschrift „Einfache Nach—
ahmung der Natur, Manier, Stil“ zusammenfinden. Hat ein
Künstler, so wird hier ausgeführt, sich in langer, emsiger Ar—
beit mit treuem Sinn an die Natur gehalten, so wird er dazu
gelangen, mit den so erlernten Formen, wie mit einem Eigen⸗
tum, in einiger Freiheit zu schalten. Er wird sich aus diesen
der Natur abgelernten Formen eine Sprache bilden und sie
zum Ausdrucke seiner innerlich gehegten Eigenart verwenden.
Aber über diesen beiden Vorgängen gibt es noch einen dritten,
höheren, höchsten: er entsteht durch Einblick in die Eigen—
schaften der Gegenstände, durch Überblick über die Erscheinungen;
in ihm verliert sich der Künstlergeist in das Objekt, um diesem
dadurch eine stärkere Füulle des Sinnes und Gehaltes und eine
sonst nie gehörte Sprache zu verleihen“.

WVal. Stein, Ästhetik der deutschen Klassiker (Reclam) S. 28229.
            
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