Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

—X 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
bedürfnis, und sie allein schien ihm auch, bei mehr äußer— 
licher Betrachtung, in einer Zeit, da eine Fortbildung der 
nationalen Wirtschaft zu immer breiterer Arbeitsteilung führte, 
und in einer Periode subjektivistischer Berufsteilung den 
Menschen und das in ihm, was er später gern als Totalität 
— einzelnes 
kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch 
selbst nur als ein Bruchstück aus ,“ klagte er, und nur die 
Kunst als Inbegriff der Harmonie schien ihm die Folgen dieses 
Zusammenhanges beseitigen zu können. Es ist eine stetige 
Klage des subjektivistischen Zeitalters, die hier elegisch zum 
erstenmal ertönt: die Klage, die der Kunst — und neben ihr 
der Religion — noch in unseren Tagen ihre auch sozial— 
geschichtlich hohe Wirkung sichert: das Motiv, das zugleich 
die enge Verbindung ethischer und ästhetischer Betrachtungs— 
weise in allen subjektivistischen Zeitaltern verständlich macht. 
Schiller hat sich schon auf der Karlsschule in Stuttgart 
mit Philosophie beschäftigt. Was ihm da anfangs nahe trat, 
war die Leibniz-Wolffsche Lehre und die Glückseligkeitsmoral 
der Aufklärung; wirksam wurde auch die durch Garve ver— 
mittelte Schönheitsphilosophie Shaftesburys und daneben wohl 
auch die Moral Fergusons: eine Zusammenfügung ethischer 
und ästhetischer Anschauungen des englischen Subjektivismus 
traf am ehesten und frühesten die Bedürfnisse seines Herzens. 
In welchem Grade, das zeigen schon die Abhandlungen aus 
seiner Elevenzeit, die, als Lösungen medizinischer Aufgaben 
gedacht, sich im Grunde doch in philosophischen Spekulationen 
ergehen: der Leitsatz der ersten vom Zahre 1779 war, daß 
die menschliche Seele um so glücklicher sei, je umfassender sich 
ihre Anschauung des göttlichen Kunstwerks gestalte; die zweite 
vom Jahre 1780, der „Versuch über den Zusammenhang der 
tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“, lief gar 
schon, nach starker Betonung der tierischen Seite, auf die ent⸗ 
scheidende Forderung einer stetigen Harmonie zwischen Geist 
und Natur hinaus. 
Und dies blieb denn auch das, wem auch mannigfach
	        
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