Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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übergegangen. Allein daß er von Kant im ganzen abhängig 
sei, wird man nur auf Grund mehr äußerlicher Zusammen— 
hänge behaupten können. 
Schon in der Ethik, einem der Hauptstücke der Kantschen 
Philosophie wie der Weltanschauung Schillers und der Klassiker 
überhaupt, sind die Klassiker selbständig genug; und für Schiller 
insbesondere ist der Nachweis geglückt, daß alle Fundamente 
seiner nachkantischen Morallehre auch schon in den Schriften und 
Gedichten seiner Jugendzeit vorhanden waren. Eine gemein⸗ 
same Grundlage Kants und Schillers zeigt sich allerdings in 
dem Gegensatze von Natur und Geist, den beide primär setzen; 
eine gemeinsame Grundlage auch darin, daß Kant jeden 
elementaren sittlichen Trieb und somit jede psychologische Be— 
dingung des sittlichen Handelns leugnet und Schiller das 
sittliche Handeln im Grunde von dem, von ihm um ein 
Mehreres elementar vorgestellten ästhetischen Triebe abhängig 
denkt. Aber daneben im Oberbau welche Verschiedenheiten! 
Für das praktische Handeln nahm hier Schiller, ebenso wie 
Herder und Goethe, das Ideal schon der älteren subjekti— 
vistischen Periode auf, daß es für jedermann letztes Ziel 
bleiben müsse, seine Individualität zum höchsten eben noch 
erreichbaren Gipfel des Eigenen emporzuerziehen, wenn er 
dabei auch — wie nicht minder Goethe und auch der ältere 
Herder — von der gegenwiegenden Überzeugung ausging, daß 
eben auf diesem Wege jedermann der Gesamtheit am besten 
aütze, die Gesamtansicht also zugleich auch sozialpsychisch 
gerechtfertigt sei. Es war eine Lösung, die in den Jahren 
des Klassizismus dadurch ermöglicht wurde, daß sich im Ver— 
laufe des nationalen Seelenlebens der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts in der Tat der Affekt zum Ausdrucke ver—⸗ 
nünftigen Willens und das Gebot der Vernunft zum freien 
Wunsche der Neigung abzuklären begann, daß ein immer höher 
steigender Geschmack die Sinnlichkeit mit dem klugen Wollen 
zur Einheit zusammenzuschließen schien. Traf aber diese Auf— 
fassung eines künstlerisch-sittlichen Kosmos der Seele die An— 
schauung Kants? Höchstens insofern ließe sich ein engerer 
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