Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Zweiundzwanzigstes Buch. 
Wie aber wird der Übergang vom Notstaat zum Freiheits⸗ 
staate gewonnen? Nur durch allmähliche sittliche Erziehung 
zu gereinigtem Willen, erklärt Schiller — und Mittel zu dieser 
ist ihm nur der Kult des Schönen: er allein verbürgt die 
sittlich notwendige Totalität des Charakters, den zur Fort— 
entwicklung des Staates notwendigen hochstehenden Sub— 
jektivismus; denn die Wissenschaft trifft nur den Verstand, 
die Kunst aber das Herz. Darum ist es die Kunst, welche 
die Roheit der unteren, die Erschlaffung der oberen Stände 
tilgen muß. 
Warum aber besteht dieser Zusammenhang? Warum 
werden Freiheit und Sittlichkeit durch das Schöne verbürgt? 
Es sind Fragen, durch deren Beantwortung erst der innere 
Zusammenhang des bisher Behaupteten hergestellt erscheint und 
zugleich die Fundamentalbegriffe der klassizistischen Asthetik er⸗ 
klärt werden. 
Schiller geht zum Beweise der ethischen (und politischen) 
Bedeutung des Schönen von der Betrachtung zweier mensch— 
licher Grundtriebe aus, die an gewisse Unterscheidungen Kants 
erinnern: von dem Stofftriebe und dem Formtriebe, der 
sinnlichen Neigung des Versinkens im Stoffe, und der geistigen, 
ihn durch Formgebung zu beherrschen. Dabei nimmt er in 
der Psychologie des Schönen noch einen weiteren obersten 
leitenden Trieb wahr, der diese beiden widerstreitenden Triebe 
regelt: ein Gewissen gleichsam der Schönheit, ein Höchstes, 
das die Harmonie zwischen Realität und Form herstellt. Es 
ist das, was er Spieltrieb nennt und in tausend Wendungen 
immer und immer wieder besungen hat; so nicht am wenigsten 
in den schönen Zeilen des Gedichtes „Das Ideal und das 
Leben“ (1795): 
Nur der Körper eignet jenen Mächten, 
Die das dunkle Schicksal flechten; 
Aber frei von jeder Zeitgewalt, 
Die Gespielin seliger Naturen, 
Wandelt oben in des Lichtes Fluren, 
Göttlich unter Göttern, die Gestalt ..
	        
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