Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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göttlichen Gewalt des Kunstlers wurzele, und daß sie schöpfe— 
rische Gehalte erzeuge, die die Wirklichkeit himmelan über— 
schreiten und in keinem abstrakten Denken gegeben sind. 
Es war die gemeinsame Überzeugung der Dioskuren. 
Man vergleiche, was Goethe über den letzten Akt dichterischer 
Schöpfung gedacht hati, mit dem, was Schiller um 1798 
lehrt, und man wird darin Übereinstimmung finden, daß über 
der bloßen idealistischen Formgebung der Typisierung und 
Symbolisierung von beiden eine höchste schöpferische Kraft 
angenommen wird, die erst, aus der Tiefe eines intuitiven 
Gesamterfassens der Welt her, dichterische Stoffe vollends in 
idealer Sphäre einheitlich gestaltet. Und später? Wie oft 
hat Goethe nach dem Tode des Freundes betont, was ihn 
ausgezeichnet habe, sei die Ferne gewesen von allem Ge— 
meinen. Und dazu definierte er: „Das Zufällig-Wirkliche, 
an dem wir weder ein Gesetz der Natur noch der Freiheit 
für den Augenblick entdecken, nennen wir das Gemeine.“ 
Aber Goethe und Schiller haben sich diesem gemeinsamen 
Ziele von verschiedenen Ausgangspunkten genähert: Goethe 
von dem der Natur, Schiller von dem der Geschichte. Hierin 
liegt einerseits begründet, daß Goethe in mehr anschaulicher 
Klarheit zum Ziele gelangt ist als Schiller: denn die Natur 
ist faßlicher. Anderseits aber schritt Schiller auf seinem be— 
sonderen Wege wiederum zu einem Überschusse gleichsam seiner 
Asthetik fort, dem Goethe ferner stand: zu der innigsten Über— 
zeugung von der nahen Verwandtschaft ethischer und ästhetischer 
Mächte und Gefühle. 
Es ist ein beachtenswerter Punkt für das Fortleben der 
Gedanken beider. Goethes Gedanken wirken sozusagen in sich 
beständig wie die Natur weiter. Für Schiller aber ergaben 
sich alsbald Probleme der Erziehung des subjektiven Menschen 
in Staat und Gesellschaft. Ein neuer Himmel und eine neue 
Erde für dies neue Geschlecht: und zwar auf Grund einer 
ästhetischen Verklärung zu höheren Menschheitsformen: das 
S. oben S. 398 ff.
	        
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