Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
mal, aus verwandten Grunden, im Zeitalter der Staufer ge— 
habt hat: ist doch von ihr, wie wir soeben sahen, auch die 
Entwicklung des frühesten philosophischen Denkens des neuen 
Zeitalters in übervollem Zuge durchtränkt. Und so begreift 
sich, daß schon ihre Vorentwicklung in den Zeiten des Indivi— 
dualismus eine überaus reiche gewesen ist!. 
Wie weit lassen sich da nicht in dem Kerngebiete aller 
Entwicklung der Empfindung, dem religiösen, frühe Spuren des 
Neuen zurückverfolgen: die ersten Zeiten schon der pietistischen 
Frömmigkeit beider Konfessionen sind voll von ihnen, ja sie 
führen, namentlich auf protestantischem Gebiete, noch weiter 
zurück bis zur Verpersönlichung des alten Gemeindekirchenliedes 
und zu frommen Betrachtungsweisen im Sinne der Gebete des 
Arndschen Schatzkästleins. Und auf die eigentliche Frömmigkeits- 
bewegung folgte, sie erbreiternd und mit heiterem Geiste er⸗ 
füllend, die gemütvolle Betrachtung der Natur: erst im kleinen, 
in der Gartenpoesie eines Brockes, dann ansteigend bis zu den 
vollen Chören des Kleistschen Frühlings und der Idyllik 
Gesners. Und schon meldeten sich Züge einer überquellenden 
Empfindung überhaupt; „Fülle des Herzens“ ward, was man 
forderte; und in zunächst rührseligen, larmoyanten Tönen er— 
wuchs eine Nebenströmung der älteren horazischen und ana— 
kreontischen Lyrik. Aber schon ließ sich daneben auch der naivere 
Ton echterer Empfindung in volkstümlichen, den Gefühlen des 
gemeinen Mannes nachgeahmten Lauten vernehmen; Gleim sang 
seine Grenadierlieder, und Bänkelsänger fuhren von neuem in 
der Weise der alten Fahrenden fort. 
So war es Zeit, daß die neue Bewegung, wie sie in der 
Lyrik alte Formen, Formen der Renaissance und Formen des 
Volkstumes, bis zum bauchigsten Schwellen erfüllt hatte, nun 
auch auf die modernste aller Dichtungsarten, das Drama, über— 
sprang. Es geschah nicht, ohne daß die soziale Grundlage des 
neuen Seelenlebens bloßgelegt ward. Wie waren doch im Drama 
des früheren Zeitalters, nach den Lehren der Renaissance, un— 
Val. dazu Bd. VII, 1, 126 ff., 282 ff.
	        
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