Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Dichtung. 
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glückliche Schicksale sagenberühmter Fürstenhäuser, intimes und 
öffentliches Geschick der Höchststehenden fast ausschließlicher 
Gegenstand der dramatischen Fabel gewesen! Jetzt wurde das 
Drama demokratisiert; quid mihi Hecuba ruft die Zeit mit 
Tiberius über die verbrauchten Heldenstoffe, und auf der 
Bühne erscheint die rührselige Komödie Gellerts und seiner 
Nachfolger und nach ihr das neue Trauerspiel hin bis zu der 
„bürgerlichen Virginia“ in Lessings Emilia Galotti. Und schon 
handelt es sich nicht mehr bloß um einen Wechsel der Fabel. 
Indem das „große gigantische Schicksal“ vermieden wird, 
„welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zer— 
malmt“, treten die Vorteile einer intimeren Schilderung der 
Charaktere in ihr Recht: und eine neue, tiefergreifende, schärfer 
zeichnende, gewaltiger packende Illusion wird gewonnen. 
Und kann nicht schon von der ganzen Breite dieser Vor—⸗ 
stufe überhaupt gelten, daß sich die psychologische Darstellung 
in ihr verschärft? Nichts ist bezeichnender, als daß der Über— 
gang von dem älteren zu dem neuen Zeitalter von einem er— 
neuten Aufflammen der Satire mit ihrer vorwärts eilenden, 
wenn auch noch karikierenden Schilderungstechnik begleitet wird: 
Rabener, Zachariage, Kästner, Lichtenberg, um nur der Haupt-— 
namen dieser Bewegung zu gedenken. Und so läßt sich in der 
Tat wahrnehmen, wie die psychologische Schilderung allent— 
halben zunimmt: wie sie von der einfachen Beobachtung von 
Einzeltatsachen und der gleichsam statistischen Verwertung sozial— 
psychischer Außerungen überspringt zur wachsenden Virtuosität 
psychologischer Motivierung, zu steigendem Reichtum der 
Charakterzeichuung und zum ersten Erfassen selbst gesamt— 
psychischer Momente. Da ist denn kein Zweifel mehr möglich: 
ein neues Zeitalter vertiefter und erhöhter Dichtung drängt 
heran. 
Und schon erschien dieses Zeitalter in diesen Jahren, 
noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, durch einige 
mächtige Dichtererscheinungen, Propheten einer größeren Zu— 
kunft, vorweggenommen. Es waren Günther vor allem und 
Haller.
	        
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