Neue Dichtung.
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Unruh, Kälte, Hitz' und Durst, Hunger, Elend, Armut, Bloße,
Schande, Mißgunst, Ärgernis, Krankheit und Verfolgungsstöße,
Fälschliche Beschuldigungen, blinder Eifer, Elternhaß
Und verlogne Freundschaftsmäuler, o wie schmerzlich peinigt das!
Ein sich selbst zerfleischender Ernst überkam ihn bei allem
Leichtsinne in Stunden der Einkehr; er begriff, daß seine
Kunst, deren Vervollkommnung eine nie nachlassende Forde—⸗
rung seiner Natur blieb, unter sittlicher Schwäche leiden
müsse. Wie konnte sie da innere Ausgeglichenheit erreichen
und Geschmacklosigkeiten, ja Roheiten vermeiden, wie war es
möglich, daß sie sich unter dem Drange der Zerrissenheit über
die bloße, wenn auch scharfe Wiedergabe des Wirklichen zu
typischer Verklärung erhob? So haderte der Dichter mit sich
selbst. Und doch triumphierte er immer wieder in unversieg⸗
lichem Künstlermut. Auf das Krankenbett geworfen, erhebt er
sich aus religiösen Zweifeln zum Gebet, und selbst untreue
Liebe verwundet ihn nur noch, ohne ihn zu töten:
Sei immerhin der Hand entrissen,
Im Herzen bleibst du dennoch mein,
Das Glücke mag das Bündnis brechen,
Die Schickung mag mir widersprechen,
Ich trotze doch ihr künftig Nein
Und will dich stets im Bilde küssen.
Schließlich haben erst letzte Entbehrungen und Aus-⸗
schweifungen diese zähe Natur gebrochen. Entsagend geht der
Dichter dem Ende entgegen:
Das Alter kommt mir vor den Jahren,
Ich habe zeitig ausgedient,
Mein Frühling ist in Angst vergrünt
Und als ein Strom dahin gefahren;
Mein Auge, dessen feurig Spiel
Den Schönen in das Auge fiel,
Hat manchen Siegeskranz gefangen,
Dies Auge sieht jetzt läsfig zu
Und winkt mit tränendem Verlangen
Der in der Welt versagten Ruh.
Und so ist er als ein zwar wunderliches, aber schließlich
doch als ein Kind Gottes, ein Gottbegnadeter dahingegangen.