Zweiundzwanzigstes Buch.
Die Nähe des Todes besänftigte die Stürme seines Innern;
so sehr er noch hassen und lieben mochte, fand er doch endlich
Ruhe in einem geläuterten protestantischen Bewußtsein. Aus
dieser Zeit stammen die schönen Verse:
Mein Abendopfer ist ein Lied,
Das dir zu danken sich bemüht,
Die Brust entzündet Andachtskerzen;
Gefällt dir dieser Brandaltar,
So mache die Verheißung wahr:
Gott heilet die zerschlagnen Herzen
Du Geist der Wahrheit, breite dich
Mit deinen Gaben über mich!
Dein Wort sei meines Fußes Leuchte!
Vergönne mir dein Gnadenlicht
Auf meinen Wegen, daß ich nicht
Mir fselber zur Verdammnis leuchte!
Würde Günther bei längerem Leben und strengerer Selbst—
zucht einen volleren Vorfrühling jener großen Dichtung der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts angebahnt haben, der
sein Schaffen in mehr als einer Beziehung schon angehörte?
Einsam blieb er schließlich in seiner Zeit und in den Ländern
des mitteldeutschen Ostens, dem sein Leben angehörte; und
erst im äußersten Süddeutschland erwachten zu seiner Zeit
Keime einer nah verwandten und doch vielfach abweichenden
Dichtung.
Süddeutschland war in der Entwicklung des deutschen
Schrifttums seit den Zeiten Grimmelshausens und Moscheroschs
zurückgeblieben. Die Wunden, die der Dreißigjährige Krieg
geschlagen hatte, konnten in den größeren Staaten des Nordens
und Ostens rascher geheilt werden; und noch ehe diese Staaten
eine neue geistige Bewegung ermöglichten, hatten sich dar—
stellende Kunst, Literatur und Musik mit Erfolg in die großen
Handelsstädte geflüchtet, nach Hamburg vor allem und in das
rasch erblühende Leipzig!. Demgegenüber hielt Süddeutschland,
Val. dazu Bd. VII, 1 S. 282 ff., 301 ff.