Neue Dichtung.
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und vor allem dessen protestantischer Teil, an den Voraus—
setzungen und Auswirkungen der Kultur des 16. Jahrhunderts
fester; so vermittelten am Oberrhein Männer wie Schilter
und Oberlin den Zusammenhang mit der alten Vergangenheit,
während die Universität Straßburg, damals wie die Stadt
noch innerlich ganz deutsch, als Hort einer Orthodorie galt,
die im Geistesleben des 16. Jahrhunderts wurzelte; und auch
in Württemberg lebte und webte eine alte, wenn auch schon
pietistisch gefärbte Frömmigkeit.
Diese altväterisch ernste, im Verhältnis zum rascheren
geistigen Fortschritte Mittel- und Norddeutschlands gleichsam
historische Haltung war nun aber nirgends vielleicht stärker
ausgeprägt und doch wieder zugleich gegengewogen als in der
Schweizan. Hier war seit dem Verluste auch des losesten staats⸗
rechtlichen Zusammenhanges mit dem Reiche im Westfälischen
Frieden zunächst weithin und mehr, als schon früher, franzö—
fisches Wesen eingezogen. In der deutschen Schweiz sprachen
die Gebildeten damals fast mehr, als heute, Französisch. Und
auch die Sitten hatten sich teilweise französiert.
Sag' an, Helvetien, du Heldenvaterland!
Wie ist dein altes Volk dem jetzigen verwandt? ...
Wo ist der edle Geist, der nichts sein eigen nennet,
Nichts wünschet für sich selbst und keinen Reichtum kennet,
Als den des Vaterlands, der für den Staat sich schätzt,
Die eignen Marchen kürzt, der Bürger weiter fetzt? ...
so fragt Haller und schließt die Anklage mit Worten unmuts—
vollen Vorwurfs:
Nein, also war es nicht, eh' Frankreich uns gekannt!
Aber gerade diese Verse der Einkehr zeigen, daß unter
der französischen Oberströmung in den Kantonen auch gutes
deutsches Wesen noch reichlich zurückgeblieben war: die An⸗
fänge jener Sitten treten hervor, die uns noch heute das
Familienleben etwa der deutschen Schweiz als insbesondere
1 Vgl. dazu Bd. VII, 1, S. 316 ff
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 2.